Atomstrom – Einfach mal kühl nachrechnen

Dieser Tage schaue ich mit gemischten Gefühlen auf die Nachrichten. Hass, wenn ich die Äußerungen der Regierung höre. Trauer, beim Anblick der menschlichen Schicksale in Japan.

Fukushima beweist, dass Kernkraft nicht sicher ist. Aber der Widerstand der Atomlobby ist stark. Kein Wunder, eine Millionen Euro pro Tag verdient ein Betreiber mit einem Kernkraftwerk.

Kernenergie wurde aus ideologischen Gründen mithilfe von Subventionen in die Rentabilität gepushed. Sie war der Heilsbringer zur Energieautonomie. Der Ausweg aus der Erpressbarkeit durch die OPEC-Staaten.

Jetzt haben wir diese übergroßen Dampfmaschinen. Dreckige, schrottige Dampfmaschinen. Auch in Deutschland gibt es Überschwemmungen. Brokdorf, Brunsbüttel und Krümmel liegen mitten in dicht besiedeltem Gebiet. Hamburg wird man nicht evakuieren können.

Besonders auf die Palme hat mich eine Äußerung des FDP-Generalsekretärs Christian Lindner gebracht. Er forderte in einer Sendung der ARD, jetzt besonnen und rational gehandelt werden müsste und nicht hysterisch.

Handeln wir besonnen! Argumentieren wir nicht mit unseren Ängsten.

Argumentieren wir nicht mit dem Dreck den Kernenergie hinterlässt. Argumentieren wir rational und nach streng marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Argumentieren wir nach der Logik der FDP.

Jeder Marktteilnehmer hat ein Interesse daran, dass andere Marktteilnehmer für durch sie verursachte Schäden haften. Tun sie in der Regel auch. Kernkraftwerksbetreiber allerdings nicht. Die Folgen eines Super-GAUs würden nach einer Studie aus dem Jahr 1992 Schätzungsweise 5.500 Milliarden Euro betragen.* Ziemlich unmöglich, dass jemand für eine solche Summe haften könnte. Wäre ein Kernkraftwerk also ein Auto, dann würde es keine Betriebserlaubnis erhalten.

Aber dann hätten wir ja keine Kernenergie, also gibt es eine Ausnahme. Eine „Deckungsvorsorge“ (also eine Haftpflichtversicherung) muss nur über eine Summe 2,5 Milliarden je Schadensfall bestehen (§ 34 I AtG). Das sind 0,025 % der Schadenssumme. Für alles darüberhinaus zahlt zuerst die Betreiberfirma mit ihrem Vermögen und dann die „Solidargemeinschaft“ der vier Atomkonzerne. Die Konzerne wären also Bankrott, aber die Schäden müsste dennoch der Staat und damit wir übernehmen.

Kein Versicherungskonzern könnte diese Summen versichern, nicht einmal wenn er wollte. Nach der Logik des Marktes sind Kernkraftwerke nicht versicherbar. Nach Logik der FDP müssten diese Kraftwerke sofort abgeschaltet werden.

Das ist aber nicht gewollt. Eine mächtige Lobby hat andere Interessen.

Ich schäme mich ein wenig, dass wir diese Katastrophe brauchten um die Atomdebatte neu zu entfachen. Das Leid der Menschen ist eine riesengroße Ohrfeige für alle verbohrten Atomkraftideologen. An was für einem geistigen Störfall muss man leiden, um jetzt noch an Kernenergie festzuhalten?

Was nehmen diese Menschen dafür, dass sie ihr Gewissen abschalten? Eine Millionen Euro pro Tag und Kraftwerk…

 

*Ewers, Hans Jürgen und Klaus Rennings (1992), Die Kosten möglicher Schäden durch einen sogenannten Super-Gau – monetäre Bewertung und umweltpolitische Implikationen, Zeitschrift für angewandte Umweltforschung (ZAU) Sonderheft 3, 155-167.

2 Antworten zu “Atomstrom – Einfach mal kühl nachrechnen”

  1. Michel sagt:

    Sehr guter Kommentar, finde ich. Wichtig ist, dass aus der Debatte jetzt auch Taten folgen, besonders dort, wo den Atomkraftgegnern Regierungsverantwortung gegeben wurde.

    Eine kleine Anmerkung:
    Patrick Lindner hat zwar laut Wikipedia 1992 das Lied „Ein kleines Feuer, das dich wärmt“ veröffentlicht; ob er aber ein ebenso großer Atomkraftfan ist wie der FDP-Generalsekretär, ist doch eher unbekannt.

  2. Daniel sagt:

    Ist korrigiert. Danke, Michel. =)

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