Reisetagebuch – Tag 7

Tag 7 von Julie Stelz

(Foto 1: Blick vom Hafen von Howth auf die vorgelagerte Insel Ireland’s Eye)

Nach der anstrengenden, aber beeindruckenden Mammut-Tour gestern durch halb (Nord-) Irland durften wir heute Morgen ausschlafen – oder, wie Michel und ich, die freie Zeit für Unternehmungen in Dublin nutzen, zu denen wir sonst nicht mehr gekommen wären: wir sind mit dem Zug auf die vor Dublin liegende Halbinsel Howth gefahren, der Stadtstrand Dublins – wenn auch leider nur für 15 Minuten, weil der Zug verspätet war und wir ja pünktlich um 12 wieder im Hostel sein sollten um gemeinsam zum Trinity College zu gehen.

 

Bevor wir losgingen, kam noch die Schreckensnachricht, dass die Fluglotsen streiken wollten, was sich aber bis heute Abend glücklicherweise erledigt hat – wobei ich persönlich ja schon gerne auf Airlinekosten mit der Fähre gefahren wäre 🙂

(Foto 2: Der Haupteingang des Trinity Colleges)

Auf der spannenden, vom nationalen Vorsitzenden der Labour Youth Colm geführten Tour durch das Trinity College  erfuhren wir allerlei Kurioses, wie z.B. dass das traditionell protestantische College zwar schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bereit war, katholische Studierende aufzunehmen, diese jedoch von Seiten der katholischen Kirche bis 1976 es nicht besuchen durften, da ihnen sonst der Ausschluss und eine allgemeine Verachtung durch die Religionsgemeinschaft drohte. Unabhängig von ihrer Konfession durften Frauen erst seit 1904 im College studieren.

Die Hochschulgruppen sind, anders als in anderen irischen Colleges, wenig politisch und es gibt sogenannte „Societies“, mehr oder weniger exklusive, z.T. nach Studienfächern geordnete Clubs, die in etwa mit deutschen Studentenverbindungen/Burschenschaften vergleichbar sind. Die exklusivste Society war die der Historiker, der auch einer der wohl berühmtesten Alumni Oscar Wilde angehörte.

Auf dem Gelände des Colleges ist keine Polizei erlaubt, was heißt, dass diese, wenn nötig, erst von der Collegeleitung eingeladen werden muss – so auch kürzlich bei einem Campus-Musikfestival, auf dem es Unruhen gab und sogar angeblich eine Studentin vergewaltigt worden sein soll.

Die Mensa ist dort nicht subventioniert wie in Deutschland, jedoch kann jede_r Studierende eine Prüfung ablegen, die ihm_ihr bei sehr guten Ergebnissen eine tägliche kostenlose Mahlzeit inklusive eines Pint (etwas über 500ml) Guinness bescheren kann!

Es gibt auch einen collegeeigenen Pub, der zwar offiziell nur für Studierende gedacht ist, jedoch aufgrund seiner zentralen Lage und günstigen Bierpreise auch viel von nichtstudentischen Gästen besucht wird.

(Foto 3: die das Book of Kells beinhaltende Bibliothek)

(Foto 4: die das Book of Kells beinhaltende Bibliothek)

Die Bibliotheken des Trinity College besitzen eine sehr außergewöhnliche Lizenz – die zum Kopieren: anders als an allen anderen Colleges in Irland dürfen sie jedes in Irland erschienene Buch unendlich oft kopieren und ihren Universitätsangehörigen zur Verfügung stellen, was, wie sich einige von uns vielleicht vorstellen können, den Unialltag stark erleichtern könnte. Das wichtigste Buch in der größten und ältesten Bibliothek des Colleges ist das Book of Kells – eins der ältesten und bedeutendsten Bücher Irlands, von dem jeden Tag eine Seite öffentlich zu „besichtigen“ ist – jedoch für den Preis von 10€ Eintritt und stundenlangem Warten in der Schlange, was wir uns dann erspart haben.

Der_die Unipräsident_in wird von allen wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen für 10 Jahre gewählt und darf für die Zeit ein Haus auf dem Campus beziehen, erhält 300 000€ im Jahr und darf die Queen treffen.

Um am Trinity College studieren zu können, braucht man prinzipiell sehr gute Abiturnoten – es gibt jedoch auch die Möglichkeit, über ein Stipendium für sozial benachteiligte Studienanwärter_innen einen Platz zu ergattern – was dazu führt, dass die Studierendenschaft zwar einerseits sehr bunt gemischt ist, jedoch genau genommen Freundschaften meist doch nur innerhalb derselben sozialen Schicht entstehen.

Um die wichtigste Tradition des Colleges weitertragen zu können, muss man wohl ein bisschen abergläubisch sein: Durch denTorbogen des „Campanile“ darf man nur schreiten, wenn man bereits einen Abschluss hat – ansonsten wird man ihn nie erlangen – wir werden sehen, wie sich Corneliusʻ und Moritzʻ akademische Zukunft gestalten wird 😉

(Foto 5: Der Campanile)

(Foto 6: Der Campanile)

(Foto 7: Der Campanile)

Nach dieser sehr spannenden, aber angesichts unseres knappen Zeitplans etwas zu lang geratenen Tour durch das College hatten wir alle Hunger – aber leider keine Zeit mehr zu essen, weil der nächste Termin im Parlament anstand.

Trotzdem sind wir in ein japanisches Restaurant gegangen, haben das wohl beste und raffinierteste Essen der ganzen Reise bestellt und hatten dann aber leider nur ca. 10 Minuten Zeit, unsere Riesenportionen runterzuschlingen. Total voll vom Essen mussten wir dann zum Parlament joggen, weil unsere dortige Führung nicht zu verschieben war – dort angekommen
erfuhren wir, dass wir noch auf eine andere Gruppe warten mussten, die auch an der Führung teilnehmen wollte – hätten wir das gewusst, hätten wir in Ruhe das leckere Essen genießen können!

Nun folgte eine Führung durch das Parlamentsgebäude „Tithe an Oireachtais“ („Haus der Gesetzgebung“), das wir leider nicht von innen fotografieren durften.

(Foto 8: Tithe an Oireachtais)

Zunächst ging es  in den Seanad Éirann – das Oberhaus – dessen Mitglieder nicht sehr demokratisch gewählt werden, sie werden nämlich zum Teil durch den Ministerpräsidenten („Taoiseach“) ernannt und zum Teil von Universitätsabsolvent_innen gewählt!

Nachdem wir den Dáil Éirann – das Unterhaus – dessen Besuchertribüne ähnlich muffelt wie das Hostel in Dublin – besichtigt hatten, ging es in den winzig kleinen fensterlosen, im Keller liegenden Sitzungsraum der Labour Fraktion „Labour Parliamentary Party Room“ 😉 , in dem wir Abgeordnete der Labour Party treffen sollten. Leider war vorher nicht klar, wen wir treffen würden und ob, wie geplant, der Parteivorsitzende, Vize-Ministerpräsident und Außenminister Eamon Gilmore Zeit für uns haben würde und konnten uns daher leider nicht auf die Gespräche vorbereiten.

Eamon kam leider nicht, dafür konnten wir uns mit den „TDs“ („Teachtaí Dála”, Abgeordnete) Alex White und Kevin Humphreys über Themen wie mögliche Wege aus der Finanzkrise, den wirtschaftlichen Einfluss der USA und China auf die EU und ihre persönliche Position zur EU unterhalten.

(Foto 10: Party Room innen)

(Foto 11: Kevin (l.) und Alex (r.))

(Foto 12: Gruppe)

 

 

 

 

Bevor wir zusammen mit einer großen Gruppe der Labour Youth essen gegangen sind, hatten wir noch ein paar Stunden Freizeit um noch ein wenig Dublin zu erkunden und letzte Besorgungen in Form von Kleidung, Andenken, Mitbringseln und Postkarten zu machen.

Nach dem Essen kamen noch einige weitere Genoss_innen der Labour Youth dazu und wir feierten unseren letzten Abend in Irland, indem wir gemeinsam durch – eh – 3? – oder waren es 4? – Pubs zogen 😉

(Foto 13: Guinness-Bubi)

 

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