Was ist bloß in Syrien los?

Es vergeht kein einziger Tag, in der uns keine Nachrichtenmeldung aus Syrien ereilt: sei es der Beschuss eines Trauerzugs durch die syrischen Sicherheitskräfte oder ein Angriff auf Oppositionelle bei einer Protestkundgebung in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Ein Anlass zur großen Hoffnung, dass sich die prekäre und angespannte Situation bald legen wird, besteht nicht – auch nicht nach der Verabschiedung
einer Resolution der UN-Vollversammlung, in der die Gewalt der syrischen Regierung  Systemkritiker_innen sowie Zivilist_innen gegenüber verurteilt wird.

 Menschen mit Wunsch nach besserer Gesellschaft sind Terrorist_innen!?

Seit dem Ausbruch des Arabischen Frühlings sind auch Menschen in Syrien von dem Gedanken und dem Bedürfnis nach Rechtstaatlichkeit, Demokratie und Gerechtigkeit erfasst worden und sind für diese Überzeugung auf die Straße gegangen – so wie in einigen Staaten im
arabischen Raum kämpften Bürger_innen in für eine bessere, gerechtere, menschliche und demokratische Gesellschaft. Diese Menschen wurden von der syrischen Diktatur als „islamistischen Extremist_innen und Terrorist_innen“ bezeichnet, die dem Interesse des Auslands an Syrien Geltung verschaffen sollen. Das ist mehr als absurd und zeigt deutlich die Stumpfsinnigkeit sowie die Ignoranz von Assad und seiner Diktatur auf, die als einziges Mittel zum Zweck die Gewalt kennt und auch nicht davor zurückschreckt, diese anzuwenden.
Seien es Schüler_innen, Student_innen oder grundsätzlich Oppositionelle: zu viele Menschen sind der Gewalt durch syrische Sicherheitskräfte zum Opfer gefallen. Unabhängige Medien sowie Beobachter_innen sind vor Ort nicht existent, da solche nicht zugelassen sind. Daher kann man sich, was die Zahl der Opfer anbelangt, lediglich auf Schätzungen berufen: bis Januar 2012 sollen
zwischen 5400 bis 7000 Menschen getötet worden sein. Inhaftiert sind über 70 000 Menschen – darunter viele Schüler_innen.

Heterogenität Syriens als Verhängnis?

 Die Gründe dieses fortwährenden Konflikts lassen sich nicht allein auf den Wunsch nach Freiheit und Demokratie reduzieren, sondern sind mannigfaltiger Natur. Angefangen vom politischen System, dessen Merkmal u.a. eine polizeistaatliche Diktatur ist und in dem Einparteienherrschaft auf der Agenda steht, bis hin zur großen Minderheitenproblematik, das in Syrien stärker ausgeprägt ist als im Vergleich zu der Türkei zum Beispiel. All dies sind nur beispielhafte Aufzählungen, die darlegen, dass die syrische Gesellschaft seit langer Zeit “krank” ist und an einer Heterogenität laboriert, die sich einzig und allein durch eine friedensstiftende Vermittlung  zwischen  den verhärteten Fronten sowie einer grundlegenden politischen Reformierung behandeln lässt.

Vom Verabreichen der falschen Medikation und dem Zerfall des syrischen Systems.

Diese vielfältigen Probleme durch Sicherheitskräfte und Gewalt lösen zu wollen, ist mehr als falsch und wird letztlich das bewirken, was eigentlich von beiden Seiten aus vehement vermieden werden soll: der Ausbruch eines Bürgerkrieges. Die Protestbewegung ist meiner Meinung nach mehr als breit aufgestellt und die syrische Regierung weiß auch, dass nichts mehr so sein wird, wie es früher war. Die ohnehin schwachen, politischen Strukturen sind nachhaltig zerstört, auch das Militär zersplittert allmählich und die Wirtschaft liegt auch langsam, aber sicher brach. Wie lange die syrische Führung an dem verblendeten Glauben ihrer Feuer- und Durchsetzungskraft festhalten wird, lässt sich nicht sagen. Eines lässt sich aber in diesem Zusammenhang feststellen: die Kraft und Breite der Proteste sowie Aufstände wurde mehr als unterschätzt. Sogar die internationale Staatengemeinschaft, die viel zu lange die Augen vor Tatsachen verschloss und ihr Gehör für die Klagelaute der syrischen Bevölkerung auf Durchzug gestellt hatte, erhebt nun mahnende und kritische Worte – auch wenn sie immer noch recht zurückhaltend und machtlos erscheinen. Es rührt sich etwas, aber immer noch zu wenig. Eine bloße Verurteilung durch die UN-Vollversammlung ist nicht ausreichend und das ganze Theater, welches sich auf den Bühnen der UN abspielte, grenzte an eine Farce. China und Russland nutzen ihre Chance zur Machtdemonstration und ggf. zur Vertretung eigener Interessen. Was es für eine Außenwirkung erzielte? Eine katastrophale. Die UN wirkt als zahnloser Tiger, der versucht zu beängstigen. Doch Assad samt Russland und China lachen dabei sich eher ins Fäustchen.

 Träume von einem besseren Morgen.

 Hier konstatiert man, dass es nicht das Wunder von Syrien geben wird. Es wird ein langer Kampf werden, der darüber entscheidet, welchen Weg das Land beschreiten wird. Wie dieser Kampf ausgehen wird, kann niemand sagen, da sich weder Machtstrukturen schnell auflösen lassen, noch Oppositionelle ihre Forderungen fallen lassen werden. Von heute auf morgen wird das Regime sich nicht geschlagen geben und die Proteste werden nicht verstummen. Ich denke, dass da weder die symbolische und tatsächlich unwirksame UN-Resolution noch die US-amerikanische Drohnenüberwachung helfen. Das, was gerade in Syrien passiert, ist ein Zerfall der Führung auf Raten oder im Zeitraffer. Wie immer man das bezeichnen mag. Ich glaube, dass vielmehr es momentan darauf ankommt, wie die Situation sich weiter entwickelt, denn das Land
steht derzeit an der Schwelle zum Bürgerkrieg.

Und dieser hätte einen offenen Ausgang. Uns bleibt weiterhin nur eines: kritisch beobachten und hoffen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.