Alles liquid, oder was?

Wahlen im Saarland und alle haben gewonnen. Außer der FDP natürlich. Eigentlich ist damit alles gesagt, was zu der Wahl vom Sonntag zu sagen ist.

Fast alles zumindest. Denn eigentlich haben sie alle nicht so richtig gewonnen, die lieben Parteien. Die CDU hat keinerlei Machtperspektive neben der großen Koalition, die Grünen haben es kaum über die 5 % Hürde geschafft, die Linken verlieren trotz Oskar ordentlich Prozente und die SPD… Tja, die SPD wird trotz ordentlicher Gewinne nicht den Ministerpräsidenten stellen, sondern sich wider Willen als Juniorpartner mit den Konservativen einlassen müssen.

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätten wir die wichtigen Player damit abgedeckt. Das ist vorbei, denn klarer Gewinner der Wahlen sind die Piraten. Diese merkwürdig-bunte Mischung aus Nerds, Club-Mate-Konsument_innen und Ex-Politiker_innen jeder Coleur, die urplötzlich eine neue Heimat gefunden zu haben scheinen. Inhalte sind oftmals nicht so ihr Ding, Wahlprogramme werden schon mal in aller Kürze zusammen gecopyt  und pasted, eigentlich findet sich jeder_r irgendwo wieder. Sind die Piraten also nur ein Lebensgefühl, ein Trend wie I-Phones, das erwähnte Clubmate, oder Brillen mit dickem schwarzen Rahmen?

Reicht das, um 7,4 Prozent zu bekommen?
Ich denke nicht,  dass Wähler_innen so ticken. Dafür ist letztlich der Aufwand, sich am Sonntag aufzuraffen und zum Wahllokal zu schlendern,auch einfach zu groß. Irgendwas müssen diese Piraten also bieten, was vor allem auch Nicht-Wähler_innen motiviert, ihr Kreuz zu machen. Ich glaube, die Piraten spiegeln weniger ein Lebensgefühl als vielmehr einen Zeitgeist wider. Piraten sind ein Symptom, dass zwischen „etablierten“ Parteien und uns jungen Menschen irgendetwas nicht ganz rund läuft.
Piraten schaffen die Illusion, Politik könne genauso schnell Entscheidungen fällen wie ein Twitter-Post Aussagen trifft und dabei so transparent zu sein wie ein Facebook-Eintrag. Und das ist verdammt attraktiv, auch für mich.

Unsere Welt ist im 21. Jahrhundert angekommen, unsere Politik aber viel zu oft nicht. Das nervt mich auch, denn dadurch habe ich manchmal das Gefühl, Entscheidungen laufen an mir vorbei, werden über mich und nicht mit mir getroffen. Kurz: Unser Zeitgeist und die Politik kommen nicht so ganz zusammen.

Ein bisschen Politik, so zwischen Feierabend und 20:15 Uhr. Das wäre schön, das träfe meinen Zeitgeist. Am besten so niedrigschwellig wie ein Forum-Beitrag bei Spiegel Online. Schnell, ein bisschen unverbindlich, aber immerhin etwas.

Leider ist Politik anders. Denn Politik ist immer Zeit. Und Zeit ist kostbar. Ich zumindest habe eigentlich ständig zu wenig.

Politik funktioniert so nicht und wird es auch nie tun. Denn egal was Politiker_innen tun, immer gibt es Betroffene. Das fängt schon bei der Kommunalpolitik an. Und jede_r dieser Betroffenen hat mehr verdient als einen kurzen Eintrag im schnell erstellten Wiki.
Politik ist oft eher Pils als Mate, ein gutes Ergebnis braucht Zeit.

Schauen wir uns einen Politik-Begriff an, den die SPD mit den Piraten teilt. Beide reden viel über Freiheit und auch das trifft voll unseren Zeitgeist. Freiheit wollen wir alle. Dennoch ist mein Freiheitsbegriff (und zum Glüch auch der der SPD) ein anderer, als ich ihn bei den Piraten wahrnehme. Und das vor allem, weil ich mir sicher bin, dass soziale Gerechtigkeit wichtiger ist als irgendwelche Pseudo-Debatten über Selbstverwirklichung (im freien Netz). Echte Freiheit ist es nur, wenn es mehr ist als die Freiheit der jungen und gut ausgebildeten Privilegierten.

Was also müssen die „etablierten“ Parteien tun, um etwas mehr Zeitgeist aufzugreifen (soll heißen: junge Menschen mitzunehmen) und trotzdem ihrer Verantwortung gegenüber Betroffenen, aber auch gegenüber unseren Themen (bsp. „Freiheit“) gerecht zu werden?

Es wäre vermessen so zu tun, als würde die Lösung auf der Hand liegen und müsste nur schnell umgesetzt werden, aber ein paar Punkte sind meiner Meinung nach wichtig: Politik muss offener werden, rauß aus den Hinterzimmern. Politik muss auch jungen Menschen gerecht werden, die einfach (vermeintlich) weniger Zeit haben als andere. Und Politik sollte manchmal – so paradox das klingt – einfach mal entschleunigen. Denn nur wer sich Zeit nimmt kann erklären und das ist die beste Transparenz.

Eine Antwort zu “Alles liquid, oder was?”

  1. Michel sagt:

    Wenn wir wirklich die Jugend als SPD mitnehmen wollen und den Freiheitsbegriff als solchen wirklich ausleben wollen, darf es einfach keine nutzlosen Troll-Debatten um freiheitsbeschneidende Dinge wie die VDS geben. Klare Positionen, die am besten mehr von Netz-, als von Innenpolitikern (die Ironie ist, dass das Internet global ist), erarbeitet werden ist genau das, womit wir den Zeitgeist treffen. Doch wir müssen diese Positionen ernst meinen und nicht die Freiheit für die Sicherheit aufgeben, denn dann ist unsere „Zeitgeist“-Politik nicht mehr als Rattenfängerei und wirkt 100%ig unglaubhaft!

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