Jom haScho’a – Nie wieder lassen wir das zu!

„Am Jom haShoah soll im ganzen Staat Israel ein zweiminütiges Schweigen eingehalten werden, währenddessen jeder Straßenverkehr ruhen soll. (…) Das Radioprogramm soll dem Charakter des Anlasses entsprechen. (…)“

Heute ist Jom haScho’a – der jüdische Gedenktag an die Gräueltaten der Shoa.
An diesem Tag hält ganz Israel inne. In großen deutschen Städten begehen ebenfalls viele jüdische Gemeinden diesen Tag.
Die Feierlichkeiten beginnen am 27. Nisan des jüdischen Kalenders. In unserem Kalender variiert dieser Tag, da der jüdische Kalender immer wieder neu nach dem Mond berechnet wird. Die Feierlichkeiten beginnen mit Sonnenuntergang. Es werden sechs Fackeln angezündet. Sie stehen symbolisch für die sechs Millionen jüdische Opfer, die die Shoa nicht überlebten. In keinem anderen Land wie in Israel wird ein Gedenktag so ernst genommen. Um 10 Uhr heulen für zwei Minuten die Sirenen im ganzen Land, der gesamte Verkehr stoppt, die Arbeit wird niedergelegt und die Menschen halten schweigend inne. Es werden Gebete gesprochen, Kränze niedergelegt und die Namen der Opfer verlesen. Tausende jüdische Jugendliche veranstalten einen Trauermarsch der vom KZ Auschwitz zum KZ Auschwitz-Birkenau führt. Dort legen sie Kränze nieder. Die Trauermärsche werden mittlerweile die „Märsche der Lebenden“ bezeichnet und erinnern an die Todesmärsche der KZ-Häftlinge.

Es dauerte sehr lange, einen Tag zu finden, der sich zum Gedenken an die Shoa eignet.  Man war sich nicht einig, ob die Shoa einen eigenen Gedenktag haben solle oder ob man an den Gedenktagen, die schon vor 1933 bestanden, auch an die Shoa gedenken solle. Schließlich wurde im Jahr 1959 der Jom haScho’a als gesetzlicher Feiertag verabschiedet.
Ich persönlich halte es für richtig, dass der Shoa ein eigener Tag zum Gedenken gegeben wurde. Es muss deutlich werden, dass das, was durch den Nationalsozialismus passiert ist, etwas ist, was mit nichts zu vergleichen ist. Was nie wieder passieren darf. Wir alle sollten innehalten, gedenken und trauern.

Dieses Jahr fällt der Jom haScho’a auf den Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstands. Am 19. April 1944 erhoben sich viele Jüdinnen und Juden im Warschauer Ghetto und kämpften mehrere Wochen mit der deutschen Besatzungsmacht. Es war ein verzweifelter Akt gegen die Deportationen in die Vernichtungslager. Am 16. Mai wurde der Aufstand niedergeschlagen und die Große Synagoge Warschaus gesprengt. Die Kämpfe forderten 12.000 Opfer. Nach den Kämpfen wurden weitere 30.000 Menschen erschossen und 7.000 Menschen wurden in Vernichtungslager gebracht.

Blumengesteck zum Gedenken in Auschwitz-BirkenauEs fällt nicht leicht, mit der Last der Geschichte umzugehen. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Wir können nur unseren Teil dazu beitragen, dass ein solcher Völkermord, eine solche Grausamkeit, wie man sie nicht in Worte fassen kann, nie wieder passiert. Wir können gemeinsam die Demokratie, die Verständigung und das Miteinander stärken.
Es ist eine große Verantwortung, die auf unseren Schultern ruht. Nicht nur an gesetzlich festgelegten Gedenktagen müssen wir uns an sie erinnern – wir tragen sie jeden Tag mit uns.
Denn niemals darf sich so etwas wieder ereignen.
Immer wieder müssen wir uns erinnern, müssen wir uns an all die Menschen erinnern, die die Befreiung am 27. Januar 1945 nicht mehr erlebt haben.
Die Erinnerung ist das, was uns begleiten wird. Denn wir sind die letzte Generation, die sich an den Nationalsozialismus erinnern kann. Wir haben entweder Großeltern oder Eltern, die sich daran erinnern und uns aus dieser Zeit berichten. Wir hören Geschichten über den Krieg, über die Flucht, über den kalten Winter, über den Hunger. Verwandte packen Fotoalben aus und erzählen uns von ihrer Vergangenheit. Im besten Fall ist das so. Andere unserer Mitmenschen müssen feststellen, dass der Nationalsozialismus eine Lücke in ihre Familie gerissen hat.
Viele von denen, die die Shoa, den Krieg und den Nationalsozialismus überlebt haben, sind in den letzten Jahren von uns gegangen. Ihr Vermächtnis an uns ist die Erinnerung.
Die Erinnerung weiterzugeben wird unsere Aufgabe sein.

Am heutigen Tag halten wir inne. Denn es gilt: Kein Vergessen, kein Verzeihen dem Nationalsozialismus!

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