Besserung zu geloben?

Es ist mal wieder so weit. Zum mittlerweile 68. Mal jährt sich das Attentat vom 20. Juli. Damals organisierte sich eine Gruppe von Wehrmachtsoffizieren um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, um den massenmordenden Diktator zu töten.

Seit 1996 ist dieser Tag Anlass für die Bundeswehr die Rekrut_innen des Wachbataillons feierlich geloben zu lassen. An dieser Stelle könnte jetzt eine lange Debatte angestoßen werden, wie sinnvoll es wirklich ist ausgerechnet die, wohlwollend formuliert, national-konservativen Attentäter vom 20. Juli als Vorbilder junger Bundeswehrsoldat_innen zu nutzen. Letztlich aktueller und vielleicht auch interessanter ist aber die aktuelle Kontroverse um den Ort des Gelöbnisses. Interessanter, weil sie eine Menge über das Verständnis der politisch Verantwortlichen von Bundeswehrangehörigen aussagt, aktueller weil sie kritische Fragen berührt.

Anders als in den Vorjahren wurde von Verteidigungsminister de Maizière als Ort der feierlichen Zeremonie der damalige Planungsort des Attentats, der Bendlerblock gewählt. Ein Ort, der heute Sitz des Verteidigungsministeriums ist und ein Ort an dem heutzutage auch das Ehrenmal der Bundeswehr für steht. Auch um das Ehrenmal gab es in den vergangenen Jahren zahlreiche Kontroversen. Darf unsere Republik „ihren“ Gefallenen wieder gedenken? Falls ja, in welchen Rahmen?

An diesem Ort nun sollen die jungen Rekruten also wieder geloben der Bundesrepublik treu zu dienen. Das hat Symbolkraft. Vor allem in Anbetracht des vorherigen Austragungsortes, dem Platz vor unserem Bundestag.

Ich finde persönlich, dass Gelöbnisse in die Öffentlichkeit gehören. Nach Abschaffung der Wehrpflicht vielleicht noch mehr als bisher. Nichts ist schlimmer als eine Armee, die ihre Rituale und Zeremonien außerhalb der Öffentlichkeit auf Kasernenhinterhöfen durchführt. In den vergangenen Jahren hat sich die Bundeswehr in eine Richtung entwickelt, die mir nicht gefällt. Die Schuld dafür trägt sie freilich nicht selbst. Es werden Soldatinnen und Soldaten vom Parlament und der Regierung nach Afghanistan und in andere Länder geschickt, ohne dass in der Öffentlichkeit große Debatten über die Hintergründe geführt werden. Wir diskutieren viel über Abzugstermine, über Kosten, vielleicht auch über die Zahl der Gefallenen. Aber wir diskutieren eigentlich nie die großen Fragen dahinter. Wollen wir, dass Deutschland international militärische Verantwortung übernimmt? Wollen wir akzeptieren, dass dafür Soldatinnen und Soldaten gegebenenfalls sterben? Kann unsere Gesellschaft mit den Folgen umgehen?

Die ausbleibende Diskussion hat teils beunruhigende Folgen. Eine immer größer werdende Zahl von Soldat_innen fühlt sich von der Gesellschaft nicht mehr ernst genommen, nicht mehr verstanden. Es war früher leichter Bundeswehrangehörige zu verstehen, war die größte Belastung doch der häufige Umzug. Das konnte man nachvollziehen, hatte es oftmals selbst erlebt. Die Belastung von Auslandseinsätzen ist eine andere. Die kann man nicht einfach nachvollziehen. Erst recht kann man sie nicht nachvollziehen, wenn die Ursachen der Einsätze nicht verstanden werden. Wenn die Politik versagt in ihrer Pflicht zu erklären. Aus Unverständnis folgt Distanz. Vor allem Distanz zwischen Armee und Bevölkerung. Wozu sollen Bundeswehrangehörige noch groß in der Zivilgesellschaft von ihren Erfahrungen erzählen, wenn sie doch nicht verstanden werden (können). Vor allem auch, wenn die Hintergründe nicht nachvollziehbar erscheinen. In so einer Situation spielt dann natürlich auch die Abschaffung der Wehrpflicht eine besondere Rolle. Distanz zwischen Truppe und Bevölkerung wurde dadurch sicher nicht verringert.

Das öffentliche Gelöbnis des Wachbataillons war natürlich nie im eigentlichen Sinne „öffentlich“. Sicherheitsbedenken und besondere Gäste sorgten naturgegebener Maßen für eine Abschottung. Dennoch war der bisherige Ort besser gewählt. Der Platz vor dem Bundestag repräsentiert zumindest Öffentlichkeit, spiegelt ein Signal wieder. Wie der Wehrbeauftragte des Bundestages, Helmuth Königshaus, heute richtig festgestellt hat ist die Bundeswehr selbstverständlich eine Parlamentsarmee und das zu zeigen fällt vor eben jenem Parlament um einiges leichter.

Anders sieht es im Bendlerblock aus. Abgeschottet, so erscheint die Bundeswehr in den letzten Jahren immer öfter, abgeschottet wird nun auch wieder gelobt.

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