Kurze Frage – Schnelle Antwort – Pussy Riot

 

1) Kanntest Du Pussy Riot schon vorher?

 

Felix: Ich wusste natürlich von Protestaktionen gegen die politische Lage, aber Pussy Riot wurde mir erst durch den medialen Rummel bekannt.

 

Gamze: Ich hatte im Vorfelde der russischen Präsidentschaftswahlen von Pussy Riot ein wenig Kenntnis erlangt, aber erst richtig aufmerksam bin ich durch die mediale Berichterstattung aufgrund ihrer Protestaktion in der Kirche geworden.

 

Merle: Ich kannte den Namen der Band im Kontext der weltweiten „Riot Grrrl“-Bewegung, die Musik habe ich aber noch nicht gehört. Wirklich damit beschäftigt habe ich mich aber erst, als die Medien anfingen davon zu berichten.

 

Melanie: Die Medien griffen ja schon sehr früh erstmals vereinzelt die Aktionen von Pussy Riot auf und setzten diese in konkreten Bezug zu politischer Systemkritik in Russland, schon vor ihrer Inhaftierung zu Beginn diesen Jahres. Die ersten Berichte über ihre musikalische Protestform, ihre spontanen öffentlichen Auftritte, sind mir im Vorfeld der russischen Präsidentschaftswahlen im Herbst 2011 aufgefallen. Vor dem Auftritt in der

Christ-Erlöser-Kathedrale traten sie bereits an vielen provokanten Orten spontan auf, sei dies auf Busdächern, auf dem Roten Platz oder in Metrostationen.

 

Alexander: Nein.

 

2) Wenn Du der/ die Richterin wärest, wie würde Dein Urteil ausfallen?

 

Felix: Ich habe dem Internet entnommen, dass so ein Verhalten in Deutschland ebenfalls unter Strafe steht, aber wenn ich Richter dieses Prozesses wäre, würden sie mit 1-2 Sozialstunden davon kommen.

 

Gamze:. Ich kenne das russische (vermeintliche) Rechtssystem zu wenig, um eine konkrete Aussage zu treffen. In Deutschland gibt es  Straftatbestände, die die Beleidigung von Religionsgesellschaften und  die Störung der Religionsausübung mit einer Strafe bis zu drei Jahre Haft ahnden. Aus der hiesigen rein juristischen Betrachtung haben Pussy Riot diese Tatbestände erfüllt, aber ich würde in meinem Urteilsspruch keinesweg derart drastisch vorgehen.

 

Merle: Für mich ist das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf Protest eines der höchsten. Mit dem russischen Recht kenne ich mich allerdings nicht aus und kann deshalb nur persönlich urteilen. Ich halte jede Freiheitsstrafe (schlimmer noch: Arbeitslager!) für nicht gerechtfertigt.

 

Melanie: Wenn man ihren Auftritt in der Kirche in Bezug zu ihren vorangeganenen Aktionen setzt, ist es schwer ernsthaft den Richterspruch „Rowdytums aus religiösem Hass“ nachzuvollziehen. Wie ein roter Faden durchziehen die Kritik an Putin und die Kritik an dem in Russland gelebten Demokratieverständnis die Aktionen, Blogeinträge und Auftritte von Pussy Riot. Losgelöst, als eine einzelne Aktion, erfüllt der Auftritt in der Kirche sicherlich den Tatbestand, doch ob der Urteilsspruch unter Einbeziehung aller Aspekte so drastisch ausfallen muss, ist fraglich.

 

Alexander: Für mich ist es wirklich schwer verständlich, wie ein vermeintlich demokratisches Land ein derartiges Rechtssystem erzeugt, in dem solche Strafen (Was bitte ist Rowdytum aus religösem Hass und ist das wirklich das Vergehen von Pussy Riot?) überhaupt möglich sind, zumal es ja – soweit ich weiß – von der Kirchengemeinde selbst als „Geschädigte“ gar keine Anzeige gab, sondern der Band sogar im Nachhinein vergeben wurde.

 

3) Wie findest Du die Protestform?

 

Felix: Viele Formen von Protest halte ich für legitim, so auch diese! Natürlich wurden Empfindlichkeiten verletzt, aber dafür eine Freiheitsstrafe auszurufen gefällt mir nicht. Ich würde meine festgelegten Sozialstunden an dieser Stelle in Arbeit im kirchlichen Garten ummünzen.

 

Merle: Ich will mal Brecht zitieren: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Ich halte Protest gegen Unterdrückende für absolut legitim. Pussy Riot provozieren stark, was jedoch nötig ist, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Kunst ist kein Verbrechen.

 

Gamze: Eine demokratische Protestkultur ist in Russland legitim wie auch anderswo, denn sie ist der Ausdruck einer aktiven, reflektierenden Zivilgesellschaft. Putins Unterdrückungspolitik ist keineswegs hinnehmbar und definitiv nicht mit einem freiheitlichen, demokratischen Verständnis vereinbar. Die Aktion von Pussy Riot hat internationale Aufmerksamkeit erregt und zumindest eine Reflektion über Putins Gesinnungsjustiz ausgelöst.

 

Melanie: Durch Lieder, Texte und Musik wurden schon seit jeher Werte, Meinungen und Inhalte weltweit und auf eingängliche Art vermittelt. Ein Gemeinschaftsgefühl, sich gegen unterdrückende Institutionen, politische oder religiöse Meinungen auflehnen und zur Wehr setzen, dies in die Öffentlichkeit tragen durch Flyer, Gedichte, Lyrik, Liedtexte und spontane Auftritte ist eigentlich keine neue Erfindung. Denken wir nur einmal an den Vormärz, die Arbeiterlieder, oder Gospels zurück. Pussy Riot zeigt, dass diese Protestform auch Heute noch nah an den Menschen ist, sie mitreist und sehr medienwirksam ist. Da sie eine Reihe von Aktionen veranstalteten, stets mehr Menschen erreichten und so ihren Protest formulierten, finde ich ihre Auftritte und somit auch ihre Protestform insgesamt betrachtet als sehr effektiv und sinnvoll.

 

Alexander: Ich denke, dass Pussy Riot im Speziellen eine herausragende Protestform darstellt, da sie nicht nur die allgemeine Forderung der Meinungsfreiheit aufwerfen, sondern auf Grund ihres feministischen Profils einen weiteren Themenbereich für ihren Protest einnehmen. Eine Protestform, die zugleich für die bislang unterdrückte Meinungsfreiheit UND für feministische Forderungen eintritt, ist in der Tat für mich sehr attraktiv.

 

4) Sind sie ein Vorbild oder eher kontraproduktiv?

 

Felix: Sie erfüllen für mich schon deshalb einen Vorbildcharakter, weil sie sich friedlich gegen Ungerechtigkeiten einsetzen. Sich gegen politische Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeit und für Freiheit einzusetzen und dies auf friedlichem Wege zu tun, kann nur vorbildlich sein.

 

Merle: Pussy Riot sind meiner Meinung nach Vorbilder und jeder Tag, den sie hinter Gittern verbringen, ist einer zu viel.

 

Gamze: Sie sind für mich aktive Bürgerinnen, die sich gegen die Diktatur Putins aufgelehnt haben und nun die hässliche, menschenrechtswidrige Fratze des Systems zu spüren bekommen. Für mich haben Pussy Riot Mut und Stärke bewiesen.

 

Melanie: Ihre bewusste Entscheidung für diese Protestform, für ihre Wahl der Auftrittsorte und ihr Wissen über die Konsequenzen ihrer Taten, zeigt wie wichtig ihnen ihr Einsatz für soziale Gerechtigkeit, Freiheit und ein demokratisches Politisches System ist. Sie zeigen deutlich, dass in Russland der Wille zur Auflehnung da ist. Ich bin gespannt, ob sie der Stein sind, der die Lawine ins Rollen bringt.

 

Alexander: Vorbilder sind sie theoretisch auf jeden Fall. Praktisch wird sich das in den nächsten Tagen und Wochen zeigen, in denen eben nach diesem Vorbild bereits jetzt viele hundert Menschen den aktiven Protest von Pussy Riot weiterführen.

 

5) Wie schätzt Du die Außenwirkung dieses Urteils ein und hat dort ein „astreiner Demokrat“ gehandelt?

 

Felix: Demokratisch ist in Russland eh nicht viel und mit diesem Urteil, beziehungsweise schon mit dem Prozess hat sich die Außenwirkung von Russland nicht verbessert. Vielmehr hat sich wieder mal das bestätigt, was viele schon wussten.

 

Merle: Einen Staat kann mensch gut am Rechtssystem beurteilen. Durch diesen ungerechten Prozess zeigt Putin erneut, wie die Umstände in Russland sind. Doch das zeigen nicht nur der Prozess und die Strafe: Allein, dass dieser Protest notwendig war, zeigt, dass die Lage noch schlimmer ist, als ich mir hätte vorstellen können.

Ich hätte mir allerdings deutlichere Worte von anderen Politiker_innen gewünscht, die vielleicht das Urteil noch hätten beeinflussen können.

 

Gamze: In Russland von einer Demokratie sprechen zu wollen grenzt an eine Farce. Spätestens dieses Urteil hat ein eindeutiges Exempel dafür statuiert, dass das korrupte System in Russland das alleinige Ziel verfolgt, die Macht eines Mannes aufrechtzuerhalten und mit aller Härte gegen Systemkritiker_innen zu verteidigen. Oder warum hat sich Präsident Putin in einem Prozess gegen drei junge Frauen zu Wort gemeldet und Einfluss ausgeübt, der für ihn in seinem politischen Wirken eigentlich bedeutungslos sein sollte? Auch ich hätte mir deutliche Worte von westlichen Politiker_innen gewünscht. Ich wünsche allen Demokrat_innen in Russland viel Kraft, ihren Widerstand gegen Putin nicht aufzugeben und für ihre Ideale auf friedlichem Wege zu kämpfen. Eines Tages werden hoffentlich die Fesseln des Putin-Systems sich lösen und Demokratie sowie Freiheit aller Menschen werden sich entfalten können.

 

Melanie: Verfassungswirklichkeit und Verfassungsrealität divergieren in Russland sehr stark auseinander. Auch wenn Russland auf dem Papier sehr deutliche demokratische Züge vorweisen kann, sieht die Realität doch anders aus. Dies zeigt uns dieses Urteil deutlich.

 

Alexander: Russland bzw. Putin persönlich haben in den letzten zurecht viel Kritik aus aller Welt, auch von staatlichen AKteuren, einstecken müssen. Der billige Versuch Putins, immer wieder einen Vergleich mit dem deutschen Rechtssystem zu ziehen, zeigt doch nur, dass er sein autokratisches Handeln in irgendeiner Form demokratisch legitimieren will. Was er dabei außer Acht lässt, ist erstens, dass für ein ähnliches Vergehen in Deutschland um eine maximale Strafe von drei Jahren geht, während in Russland zunächst über sieben und mehr Jahre diskutiert wurde (die im Übrigen ja wegen des wohlgesonnenen Putins nicht ausgesprochen wurde -_-) und zweitens, dass das Strafmaß auch in Deutschland der Auslegung bedarf und daher auch eine Strafe á la Felix (siehe oben) möglich wäre.

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