Gegen das Vergessen – Nie wieder 9.11.1938!

Der 9.November wird gemeinhin als „Schicksalstag“ der deutschen Geschichte bezeichnet. So fallen auf dieses Datum eine Reihe von historischen Ereignissen mit weitreichenden Konsequenzen: Das Ausrufen der Deutschen Republik durch Philipp Scheidemann 1918, der Hitlerputsch 1923, die Novemberpogrome 1938 und der Fall der Berliner Mauer 1989. Mir ist es heute vor diesem Hintergrund wichtig, an einen der dunkelsten Tage unserer Geschichte zu erinnern.

In der Nacht vom 9. auf den 10.November 1938, der Reichspogromnacht, brach eine Welle der Gewalt gegen Jüdinnen und Juden in Deutschland los, die in den Wochen und Monaten, ja sogar bereits seit der Machtergreifung 1933 durch die immer stärkere Schikanierung, Repression und Verfolgung ihren Anfang fand. In dieser Nacht wurden über 1400 Synagogen, jüdische Wohnhäuser und Geschäfte geplündert, in Brand gesetzt und zerstört. Mehrere Hundert Jüdinnen und Juden verloren vom 7. bis 13.November 1938 ihr Leben. Die Anordnung des „spontanen Volkszorns“ kam von Hitler persönlich. Am selben Abend fanden reichsweit Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestages des Hitlerputsches von 1923 statt. Dies kam ihm gelegen: den Mord an dem Pariser Botschaftssekretär Ernst vom Rath durch den polnischen Juden Herschel Grynszpan nahm Hitler als Vorwand für die Anschläge auf jüdische Menschen und Häuser in jener Nacht.

Diese Nacht stellte den vorläufigen Höhepunkt der Judenverfolgung im dritten Reich dar und war der Wendepunkt für offenen Hass, Verfolgung und Vertreibung von Jüdinnen und Juden in Deutschland. Auch in der Kreisstadt Bad Segeberg, in der wir Jusos einige Aktionen zu ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit durchgeführt haben, blieb nicht verschont, ganz im Gegenteil. Auch dieses Jahr muss wieder daran erinnert werden, dass es auch in Bad Segeberg zu Anschlägen auf jüdische Geschäfte in der Lübecker Straße und Kirchstraße gekommen ist sowie der Versuch unternommen wurde, die alte Synagoge in der Lübecker Straße anzuzünden. Das Segeberger Kreis- und Tageblatt schrieb in ihrer Ausgabe am 12.11.1938: „Seit dem 9.11.1938 gibt es im ganzen Kreis Segeberg kein jüdisches Geschäft mehr!“. Ein Zitat, dass auch nicht unerwähnt bleiben darf, denn es zeigt die Offenheit und Leichtigkeit im öffentlichen Umgang mit diesen Ereignissen. Und es bleibt mit Blick auch auf Schleswig-Holstein kein Einzelfall – ganz im Gegenteil.

Heute hört man häufig Sätze wie: „Was geht mich das an?“, „Was habe ich damit zu tun?“ oder „Das ist doch schon so lange her.“ Und viele ähnliche. Und ein weiterer Vorwurf ist dann schnell formuliert: „Man kann es auch übertreiben mit dem Erinnern.“ Ich halte das alles für sehr gefährlich. Sicher trägt niemand von uns hier persönlich eine Schuld für die Geschehnisse in dieser Nacht oder die Verbrechen der Nazis insgesamt, jedoch darf man sich, wir dürfen uns nicht freisprechen von der nicht begleichbaren Schuld, die uns unsere Geschichte aufbürdet. Oder, wie es am heutigen Morgen bei der Kranzniederlegung an der alten Synagoge gesagt wurde: „Das Erinnern darf nicht enden.“ Und ich füge hinzu: Das Erinnern darf nie enden. Nur die Erinnerung kann uns davor schützen, dass Geschichte sich wiederholt. Deshalb gedenken wir heute den Opfern der Pogromnacht von 1938.

Dass wir vor Rechtsradikalismus nicht geschützt sind, zeigt die Entdeckung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, die sich am letzten Samstag zum ersten Mal gejährt hat. Eine Rechtsterroristische Organisation war bis dato nicht denkbar, obwohl sie seit dem Jahr 2000 mindestens 10 rassistisch motivierte Morde verübt hat. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Stattdessen wurden, das wissen wir vermutlich alle, die Angehörigen der Opfer vorgeführt, selbst beschuldigt. Das alles lässt sich nicht rückgängig machen. Aber das zeigt, wie sehr wir auch heute noch mehr Sensibilität brauchen für alltäglichen Rassismus und Antisemitismus. Mehr Sensibilität für Abwertung vermeintlich schwächerer Gruppen. Aber wir brauchen gar nicht so weit zu schauen. Ende Oktober kam es zu einer Vielzahl an Schmierereien im Stadtgebiet von Mölln mit dem Schriftzug „Nationaler Sozialismus jetzt“. In der Stadt, die vor genau 20 Jahren Tatort eines Brandanschlags auf zwei türkische Wohnhäuser war. Und letzte Woche kam es in Schleswig zu Übergriffen auf eine Gruppe französischer Austauschschüler_innen, die in einer Schule übernachteten. Nach neuesten Erkenntnissen schließt die Polizei auch hier ein rassistisches Motiv aus, obwohl die Täter_innen laut Aussage der Austauschschüler_innen mehrmals „Ausländer raus“ und andere Parolen skandiert haben. Und im Kreis Segeberg? Die NPD zeigt sich inzwischen offen und häufig mit ihren so genannten Info-Tischen im gesamten Kreisgebiet: am 6.10. in Boostedt, am 15.9. und 25.8. in Kaltenkirchen, am 28.7. in Ellerau, am 7.7. in Bad Bramstedt, am 9.6. in Bad Segeberg, am 26.5. in Wahlstedt, am 12.5. in Trappenkamp, und es geht immer so weiter. Dies soll Anstoß für ein Bewusstsein der Realitäten vor unserer Haustür geben.

Mein Appell für heute ist klar. Unsere Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Und eine Gesellschaft, in der Weltoffenheit, Toleranz und Solidarität tatsächlich verwirklicht sind, haben wir noch lange nicht erreicht. Wir müssen zu jeder Zeit, jeden Tag, in allen Lagen dafür kämpfen, dass rechtsradikales, rassistisches Denken keinen Platz bei uns findet. Denn es ist keine Randerscheinung. Das war es nie. Es ist alltäglich.

Es ist unsere Aufgabe, dass sich die schrecklichen Ereignisse von 1938 nicht wiederholen. Nie wieder 9.November 1938!

Steffen Voß

Arbeitet als Online-/Social-Media-Referent bei der SPD Schleswig-Holstein und ist hier als Mitglied des Arbeitskreises Digitale Gesellschaft der SPD Schleswig-Holstein als ehrenamtlicher Admin erreichbar. Alle Meinungsäußerungen sind privat.

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