Kampf für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte: #occupyturkey

Der Tod von Abdullah Cömert – Vorsitzender der Jugendorganisation unserer türkischen Schwesterpartei CHP – lässt mich sprach- und fassungslos zurück. Ein Unbekannter habe ihm in den Kopf geschossen, so heißt es. Auch habe es zahlreiche Schläge auf den Kopf gegeben. Was tatsächlich geschehen ist, wird letztlich die Öffentlichkeit nicht erfahren, denn ich glaube nicht, dass Aufklärungsarbeit geleistet wird. Die Praxis ist wie so oft in den letzten Jahren in der Türkei: verschweigen statt berichten. Und das ist genau das, was mich wütend und auch traurig macht: die Menschen in der der Türkei gehen für ihre Überzeugungen auf die Straße, treten dem autoritären Erdogan-Unterdrückungsapparat mit aller Kraft entgegen, stecken für eine bessere, freie und vor allem demokratische Türkei die Gewalt der Polizeikräfte ein. Und die türkischen Medien? Sie sind die ersten, die es wissen und vor allem sind sie die ersten, die die Decke des Schweigens über die Geschehnisse vor Ort legen. Wie sollte es denn auch anders sein? Schließlich herrscht seit Jahren eine strikte Medien- und Pressekontrolle. Berichtet wird zumeist nur, was Erdogan und sein Regime in einem positiven Lichte erscheinen lässt. Unangenehmes wird zensiert. Die Medien sind gleichgeschaltet. Welche extremen Ausmaße die Zensur mittlerweile angenommen hat, wird bei einem Vergleich der Berichterstattung des türkischen CNN und “International CNN” ganz klar und deutlich. Während der “International CNN” Bilder von Protestierenden ausstrahlt, will der türkische CNN die Menschen vor dem Fernseher mit einer Dokumentation über Pinguine darüber hinweg täuschen, dass auf den Straßen heftige Auseinandersetzungen ausgetragen werden, bei dem die Polizei mit Tränengas und heftigster Brutalität gegen Menschen vorgeht. Mehr Hohn und Missachtung gegenüber den Menschen, die auf der Straße protestieren und gegenüber denjenigen, die zuhause sitzen und auf Informationen warten, ob Angehörigen oder Bekannten vermutlich etwas passiert ist oder was da draußen tatsächlich passiert, kann man meiner Meinung nach nicht deutlicher zum Ausdruck bringen. Mittlerweile ist den meisten bewusst, dass es sich bei den Protesten nicht mehr lediglich um eine Demonstration gegen den Bau eines Einkaufszentrum auf der Fläche eines Parks in Taksim handelt. Was zunächst als ein Protestbekunden von Bürgerinnen und Bürgern, denen der Park am Herzen gelegen war, begann, entwickelte sich zunehmend von einer Stellvertreterdemonstration gegen den autoritären Führungsstil hin zu einer eigenen Protestwelle, die nun eine komplette Abrechnung mit dem Erdoganregime darstellt. All das Leid und all das, was die Menschen in der Türkei seit Erdogans Regierungsantritt hinnehmen und ertragen mussten, bricht nun auf. Angefangen von der Presse- und Medienzensur bis hin zur Unterdrückung der Meinungsfreiheit: inzwischen sitzen mehr Journalist_innen, die eine kritische Berichterstattung über Erdogan und dessen autoritären Führungsstil vornahmen, im Gefängnis als vergleichsweise in China. Auch wenn Erdogan die wirtschaftlich positive Entwicklung des Landes hoch angerechnet wird, so kann man die Augen nicht mehr davor verschließen, dass nichtsdestotrotz in der Türkei die Schere zwischen arm und reich auseinanderklappt. Und das Wahlen manipuliert werden und die Politik immer korrupter wird, tritt auch immer mehr zu Tage.

Was mich aber trotz dieser schrecklichen Geschehnisse und in dieser Zeit der Revolte rührt, ist der Zusammenhalt der Menschen, die Schulter an Schulter und Seit’ an Seit’ zusammenstehen und gemeinsam für Freiheit, Demokratie und für eine besser Türkei ohne Erdogan einstehen. Es spielt in diesem Moment keine Rolle, ob man arm oder reich, Armenier_in oder Kurd_in, Alevit_in, Sunnit_in oder Schiit_in ist. Ich mache diese Aufzählungen ganz bewusst, um Erdogans Rhetorik aufzuzeigen: er war immer derjenige, der die Menschen der Türkei in Kategorien der Religionszugehörigkeit oder gar Nationalitäten steckte und versuchte, Feindbilder zu schaffen. Die Bevölkerung zu einen war ihm fremd, denn sie auseinanderzuhalten und zu trennen half ihm mehr dabei, die Stimme der Menschen leise zu halten, die seit Jahren ungehört nach Freiheit und nach seinem Rücktritt schreien. Aber nun haben sie diese spalterische Rhetorik selbst überwunden: es sind alles Brüder und Schwestern, Freundinnen und Freunde, die dem Tränengas und den Knüppeln, den Panzern und den Tritten strotzen, sich gegenseitig helfen und stützen, wenn jemand keine Kraft mehr hat. Die laut die Opfer beweinen, die die Verletzten versorgen und die geeint rufen: “Tayyip istifa!” (Erdogan, Rücktritt!). Während ich diesen Text niederschreibe, denke ich an die Familie von Abdullah Cömert und welches Leid sie durchleben. Ich denke an meine Familie, die dort auf der Straße unter all den anderen Protestierenden steht und gemeinsam mit anderen für eine bessere Türkei kämpft. Ich empfinde neben all der Wut, dem Entsetzen und der Traurigkeit vor allem tiefsten und größten Respekt. Respekt für die Menschen, die trotz jahrelanger Betäubung durch Erdogan und Unterdrückung den Mut haben, zu kämpfen und zu schreien. Für Menschenrechte, Demokratie, Freiheit und gegen Zensur, Unterdrückung und Willkür.

Unsere Gedanken und unsere Solidarität gelten den Menschen in der Türkei. Sie sind nicht alleine, denn auch wir rufen mit: Erdogan istifa! Siz yalniz degilsiniz.

Der Blogeintrag spiegelt die Ansicht der Verfasserin wider.

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