Die Religion? Da ändert sich was!

Ich gebe zu, anfänglich habe ich mich mit der Debatte um das Tanzverbot an den drei so genannten stillen Feiertagen – zwei davon kirchlichen Ursprungs – etwas schwer getan. Worüber diskutieren wir hier eigentlich? Drei lächerliche Tage im Jahr, an denen die Spaßgesellschaft nicht ihren nächtlichen Ausschweifungen nachgehen darf, drei Tage an denen die Diskotüren des Landes geschlossen bleiben. Und überhaupt: irgendwie nehmen wir die christlichen Feiertage doch sonst auch gerne mit, gerade jetzt am Osterwochenende mit seinen vier freien Tagen in Folge.

Aber umso länger ich über das Thema nachgedacht und diskutiert habe, umso abstruser fand ich diese Argumentation. Person A darf etwas nicht, weil die Religion von Person B das doof findet. Mit Verlaub – wenn irgendwo sonst auf der Welt Gottesgläubige derart argumentieren, dann sind „wir“ die ersten, die sich in Empörung ergehen.

2010 waren es bei der evangelischen Kirche noch genau 3,6 % der Mitglieder, die an einem durchschnittlichen Sonntag das Gotteshaus ihrer Wahl aufsuchten, ihren Glauben auf die klassische Art praktizierten. An einem Karfreitag stieg diese Quote dann auf grade mal 4,4 % – ziemlich mies für einen Feiertag, dessen historische Begründung der Kirchbesuch ist. Jahr für Jahr verlieren beide christlichen Glaubensgemeinschaften Mitglieder, steigt zugleich aber die Zahl der konfessionslosen Menschen in unserer Gesellschaft.

Die Rolle der Religion ändert sich. Bis ins 19. Jahrhundert waren Kirche und Staat (zumindest in Norddeutschland) zwei Seiten derselben Medaille. Noch in der Mitte des letzten Jahrhunderts war der sonntägliche Kirchgang auf dem Dorf Normalität. Feiertage christlichen Ursprungs hatten auch über Weihnachten hinaus eine wahrnehmbare Bedeutung als christliche Feiertage. Das alles ist weitgehend vorbei. Stattdessen werden unter dem Druck von wachsenden nicht-christlichen Glaubensgemeinschaften, vor allem aber wegen der immer größeren Zahl der Konfessionslosen, bisherige Privilegien der christlichen Religionsgemeinschaften in Frage gestellt. Der klassische Religionsunterricht, die staatlichen Zuschüsse für die Kirchen, in Schleswig-Holstein die Debatte über den Gottesbezug in der Verfassung. Aber halt auch das Tanzverbot.

Das Problem, über das wir bei den stillen Feiertagen diskutieren, sind eigentlich nicht die Partys. Welche Kirchgängerin stört es, wenn nachts am anderen Ende der Stadt junge Leute auf die Piste gehen? Welcher Kirchgänger hat an den „stillen Tagen“ ernsthaft ein Problem mit guter Laune? Das Problem ist vielmehr die Geste der „Abschaffung“. Damit nämlich droht ein weiteres – und sei es noch so unbedeutendes – Stück vermeintlicher christlicher Verwurzelung in unserer Gesellschaft verloren zu gehen. Die Angst kann ich nachvollziehen, die Schlussfolgerung nicht. Verbote – und seien sie noch so vermeintlich unbedeutend – müssen gerechtfertigt sein. Die Angst vor schleichenden gesellschaftlichen Veränderungen aber ist eine denkbar schlechte Rechtfertigung.

Auch in der SPD haben Viele Angst vor der Debatte zum Tanzverbot. Und das sicher nicht aufgrund des hohen Anteils an Kirchgänger_innen in unseren Reihen. Erneut hilft ein Blick in die Geschichte: Als die SPD nämlich am Übergang der 60er/70er-Jahre mehrheitsfähig wurde, verdankte sie das zu einem großen Stück ihrer Öffnung insbesondere gegenüber der evangelischen Kirche. Gustav Heinemann, der spätere Bundespräsident, war eine der Schlüsselfiguren. Das ist in Teilen der Partei bis heute hängen geblieben – ohne die Christen gibt’s keine Mehrheit. Ohne Mehrheit kann man keine Politik machen, Bedenken der Kirchen nimmt man also lieber ernst. Aber die Zeiten ändern sich auch hier. Was damals Mittel zum Zweck für progressive Politik war, ist heute aus der Zeit gefallen.

Ich werde am Karfreitag und Ostermontag zumindest gerne frei machen, unabhängig von meiner religiösen Haltung. Frei sind diese Tage nämlich nicht, weil die Bibel es vorschreibt. Sie sind frei, weil sie gesetzliche Feiertage sind.

Als Jusos Schleswig-Holstein haben wir 2013 einen umfangreichen Antrag beschlossen, der notwendige Änderungen für das Verhältnis von Kirchen und Staat in einer sich verändernden Gesellschaft thematisiert: http://jusos-sh.de/blog/gottesbezug-hat-in-der-verfassung-nicht-zu-suchen/.

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