Nachtbereitschaft in einer Wohngruppe für Menschen mit Beeinträchtigung

Nach der Schule hatte ich mich – statt sofort von der Schulbank in den Hörsaal zu wechseln – erst einmal für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden. Dieses absolvierte ich in einer Wohngruppe für Menschen mit Beeinträchtigung, in der ich seit dem Beginn meines Studiums als Nachtbereitschaft arbeite. In dieser Wohngruppe leben acht Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen beispielsweise Autismus oder Trisomie 21. Die kleine Größe der Wohngruppe schafft ein familiäres Gefühl von Zuhause und steht im Gegensatz zu manchen anderen Wohngruppen, in denen oft mehr als 20 Menschen leben.

Meine Aufgaben als Nachtbereitschaft sind vielfältig und reichen von pflegerischen Tätigkeiten bis Büroarbeit. Auch die gemütlichen Abendgestaltung mit den Klient*innen ist wichtig. Meine Arbeit beginnt um 20.30 und endet um 6:30 Uhr. Alle, die denken ich müsste bis morgens wach bleiben, kann ich beruhigen. Ab 22 Uhr beginnt die eigentliche Bereitschaftsphase während der ich schlafen darf, aber immer erreichbar für die Klient*innen bin.

Nach der Übergabe mit dem Tagdienst, gehe ich erst einmal nach oben und begrüße die Klient*innen1. Es wird gegenseitig von unseren Tagen und spannenden Erlebnissen berichtet.

Beispielsweise kann es Mittwoch vorkommen, dass die Klient*innen am Vorabend in der Disco waren. Das ist natürlich immer ein riesiges Highlight. Es wird dann berichtet, wer mit wem getanzt hat oder wie viel Cola getrunken wurde. Während meines FSJs bin ich selber oft mit in die Disco gegangen und denke, dass ich mich nicht aus dem Fenster lehne, wenn ich sage, dass ich dort mit all diesen außergewöhnlichen Menschen am ausgelassensten getanzt habe.

Anschließend geht es dann daran manche Klient*innen zu duschen oder zu baden. Es werden Füße eingecremt, Haare geföhnt, Kleidung für den nächsten Tag rausgelegt und Wäsche gemeinsam mit den Klient*innen zusammengelegt.

Ich erledige alle diese Dinge gerne zügig, damit auch der gemütliche Teil des Abends nicht zu kurz kommt. Oft wird dann Tee gekocht und einfach beim Fernsehen auf dem Sofa entspannt. Gegen kurz vor 10 Uhr beginnt der Kampf ums Zähneputzen, denn dieses zählt nicht unbedingt zu den Lieblingsbeschäftigungen der Klient*innen. Es kam auch schon des Öfteren vor, dass ich einfach meine Zahnbürste geholt und zum großen gemeinsamen Zähneputzen aufgerufen habe. Wenn dann alle in ihren Betten sind, beginnt für mich die Büroarbeit. Alle Tabletten, die gegeben wurden und jeder Fuß, der eingecremt wurde, muss dokumentiert werden.

Am nächsten Morgen leiste ich einem Klienten Hilfestellung beim Anziehen und Zähne putzen, danach geht es dann nach Hause und meistens nochmal direkt ins Bett.

Für mich ist das derTraumnebenjob. Durch das FSJ ist diese Wohngruppe zu meinem zweiten Zuhause geworden. Ich habe tolle neue Menschen kennengelernt, Klient*innen sowie Kolleg*innen, von denen ich allerhand Neues lernen durfte. Zudem habe ich einen wirklichen Einblick in die praktische Arbeit im sozialen Bereich bekommen. Außerdem ist es doch viel erfüllender von einem wilden, lauten aber so liebenswürdigem Haufen beim Arbeitsbeginn begrüßt zu werden, als von einem riesigen, tristen Stapel Akten.

Teresa Jütten

1 Klient*innen klingt immer etwas klinisch, ist aber der fachlich korrekte Ausdruck. Allerdings wird dieser oft durch etwas persönlichere Ausdrücke ersetzt.

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