Praxiswoche als Flüchtlings-Helfer im Bahnhof Flensburg

v.l.n.r.: Simone Lange, MdL (Organisationsteam / SPD Kreisvorsitzende), Tiemo Olesen (Kreisvorsitzender Jusos Flensburg) Daniela Weickert, Thümmel (Organisationsteam) Sabine Behrens (Team InfoPoint), Lena Reimers (Team InfoPoint)

Bereits seit sechs Wochen engagieren sich freiwillige Helferinnen und Helfer in einem beispiellosen Akt der humanitären Hilfe am Bahnhof in Flensburg, um die dort ankommenden Flüchtlinge zu unterstützen. Als Kreisvorsitzender der Jusos Flensburg habe ich die dort stattfindende Arbeit im Rahmen der Praxiswoche der Jusos SH vom 20. bis 24. Oktober begleitet.

Als Nachts am 8. September 2015 der erste „Flüchtlingsansturm“ am Flensburger Bahnhof strandete, eilten  sofort viele Flensburgerinnen und Flensburger zur Hilfe. Über die sozialen Netzwerke verbreitete sich die Nachricht rasend schnell. Die Anwohner trugen alles Nützliche zum Bahnhof. Von Bekleidung und Nahrungsmittel, über Kinderspielsachen, bis hin zu Babygläschen war alles dabei.

Am Folgetag begann dann die ehrenamtliche Arbeit in Flensburg: die gespendeten Sachmittel wurden in der Bahnhofshalle aufgesammelt, grob sortiert und in eine angrenzende Halle verbracht. Provisorisch wurde eine Lebensmittelausgabe, sowie ein InfoPoint errichtet. Zeitgleich wurden die in Müllsäcke verpackten Kleiderspenden sortiert, so dass aus der „Lagerhalle“ letztlich eine Kleiderkammer entstand.

Wenn Flüchtlinge ankommen, werden diese von HelferInnen an den Gleisen abgeholt. Ihnen wird erklärt, dass im Bahnhofsgebäude die Möglichkeit besteht etwas zu essen und zu trinken. Die vollkommen erschöpften Menschen nehmen das Angebot gerne an. Wenn sie etwas gegessen und getrunken haben, zieht sie es zumeist in die Kleiderkammer. Dort können sie sich neue Kleidungsstücke aussuchen. Gerade erst hatten wir den Fall, dass ein Mann mit vollkommen abgelaufen Schuhsolen um ein neues paar Schuhe bat. Als er ein passendes Paar gefunden hatte, strahlte er bis über beide Ohren. Genau solche Momente sind es, die die Freiwilligen zur Arbeit motivieren.

Sind sie dann versorgt, nehmen die Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben den nächsten Zug in Richtung Schweden. Nur vereinzelt wird der Wunsch nach Asyl in Deutschland vorgebracht.

Außerdem gibt es die Möglichkeit in Flensburg zu übernachten. Hierfür wird jeden Abend eine Sporthalle in Flensburg geöffnet, und Feldbetten aufgestellt.

Des Weiteren ist vor Ort auch ein Sanitätsdienst, welcher kleinere gesundheitliche Probleme lösen kann. Wird es doch mal brenzlicher, stehen uns neben dem Notruf auch eine Liste der Allgemeinmediziner in Flensburg zur Verfügung. Die Ärzte können wir bei Bedarf jederzeit kontaktieren – auch sie helfen freiwillig und unbezahlt.

Mittlerweile hat sich die Arbeit am Bahnhof gut eingespielt, wenn nicht sogar professionalisiert. Der provisorisch errichtete Infopoint ist nun zum Knotenpunkt geworden- mit von der Stadt Flensburg zur Verfügung gestellten Laptops, einen Drucker und Internetzugang. Von dort aus wird auch die Facebookseite „Refugees Welcome – Flensburg“ betreut, auf der die aktuelle Bedarfsliste alle paar Stunden aktualisiert wird. Neben der Lebensmittelausgabe ist zudem auch eine kleine Hygieneabteilung entstanden, in der den Ankommenden Hygieneartikel ausgehändigt werden können.

Nach wie vor sind alle herzlich dazu eingeladen, mitzuhelfen. Interessierte müssen lediglich zum InfoPoint gehen, sich kurz dort melden, ein Namensschild ankleben und schon kann es losgehen. Am Bahnhof gibt es für jede Abteilung ein Team: das Team Versorgung, das Team Kleiderkammer, das Team InfoPoint, das Dolmetscherteam und das Organisationsteam. Jedes dieser Teams hat mindestens einen Teamsprecher.

Zur Koordination finden zudem regelmäßige Besprechungen statt. Anwesend sind hierbei Vertreter des Organisationsteams, der Stadt Flensburg, sowie der Bundes- und Landespolizei. Ebenso regelmäßig finden interne Besprechungen statt, auf denen die Teamsprecher auf Missstände hinweisen können und selbstverständlich auch Lob aussprechen können.

Das Miteinander unter den Helferinnen und Helfern ist immer sehr warmherzig und vertraut. Im Grunde genommen hat man nicht selten das Gefühl Teil einer großen Familie zu sein. Die Zugehörigkeit zu Vereinen, Organisationen, Parteien und Sonstigem tut am Bahnhof überhaupt nichts zur Sache. Jeder zieht an einem Strang- es geht um die gemeinsame Sache. Auch mit den Beamtinnen und Beamten der Bundespolizei, wie auch den Mitarbeitern der Deutschen Bahn kommt man sehr gut zurecht und ergänzt sich gegenseitig.

Deutlich wird aber auch: ohne uns Freiwillige ist es nicht zu schaffen. Weder in Flensburg, noch in München oder sonst irgendwo in der Bundesrepublik. Genau aus diesem Grund muss die Politik sehr genau überlegen, ob sie weiterhin an Stellenstreichungen festhalten will.

Für uns ist klar, dass ehrenamtliches Engagement professionelle Strukturen nicht dauerhaft ersetzen kann. Die Hilfestellungen am Bahnhof dienen vielmehr zur Überbrückung, bis eben solche geschaffen wurden.

Was wäre, wenn die Flensburgerinnen und Flensburger  nicht so hilfsbereit wären?

Was wäre, wenn alle Helferinnen und Helfer spontan für einen Tag wegblieben- im ganzen Bundesgebiet?

Was würde aus dem Willkommensland Deutschland werden?

Was wäre, wenn…?

Von Tiemo Olesen

Frederik Digulla

Frederik ist seit März 2014 stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos Schleswig-Holstein. Er studiert in Kiel Deutsch und Wirtschaft/Politik im Master. Gleichzeitig arbeitet er im Bad Segeberger Wahlkreisbüro des Bundestagsabgeordneten Franz Thönnes. Gemeinsam mit Lars leitet er die Kommission Äußeres, außerdem koordiniert er die Praxiswoche der Jusos Schleswig-Holstein. Seine Themenbereiche sind Wirtschaft, Arbeit und Soziales sowie Osteuropa.

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