50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel

  1. 70 Jahre nach dem 2. Weltkrieg und der systematischen Vernichtung von Millionen Juden und vieler anderer während des Naziregimes. Damals hätte wohl niemand gedacht, dass ein israelischer Präsident oder Premierminister bald wieder Deutsche als Freund*innen und strategische Partner*innen in Israel begrüßt. Mittlerweile sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland von starker Freundschaft und Partnerschaft geprägt.

50 Jahre ist es nun her, dass Israel und Deutschland auf politischer/diplomatischer Ebene wieder Kontakt haben. Zu diesem Jubiläum veranstaltete die israelische Botschaft in Berlin eine Jubiläumsreise für 200 junge Führungskräfte aus Deutschland nach Israel. Auch Ich hatte die Gelegenheit daranteilzunehmen. Daher nun ein Reisebericht in dem ich versuche die vielen Eindrücke und Erlebnisse in Worte zu fassen und mich euch allen zu teilen.

Unsere Reisegruppe bei der Ankunft in Tel Aviv.

Unsere Reisegruppe bei der Ankunft in Tel Aviv.

Tag 1:  Sonntag, 29.11.2015

Bereits gestern war ich in Berlin angereist, morgens um 7:00 Uhr ging es zum Flughafen Schönefeld. Ein eigenartiges Gefühl, ohne Flugticket zum Flughafen. Die Spannung und Aufregung in mir stieg bereits jetzt an. Im Terminal C traf ich dann schon auf viele junge Menschen, ganz klar, das würde wohl meine Reisegruppe werden.

Wenig später hielt ich meinen Gastausweis in der Hand und es ging dann zur Befragung und zur Beantragung des Visums nach Israel. Check-In, Platz am Notausgang, etwas mehr Beinfreiheit. Weiter ging es zum Terminal, nach etwas Wartezeit erschien dann der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman und Daniela Schadt, Lebensgefährtin des Bundespräsidenten verabschiedete uns. Mir dämmerte es jetzt, es wird nicht nur eine spannende Reise, sondern eine einmalige, unvergleichliche Reise mit dem Charakter eines Staatsbesuchs.

Zwischen uns Teilnehmer*innen begannen bereits die ersten Gespräche „Wer bist du, was machst du?“ wohl die häufigsten Sätze an diesem Tag. Dazwischen überall Journalist*innen die ebenfalls wissen wollen „Wer bist du, was machst du, was erhoffst du dir von der Reise?“, unter anderem Kamera Teams von Phoenix, Israel TV 2, Bild uvm…

Im Flugzeug ging es dann weiter, Begrüßungen durch das Personal der Botschaft das uns während der Reise begleiten würde. Zur Einstimmung auf Israel gab es das erste Hummus-Craft-Beer mit Kichererbsenmehl, gebraut von einer Berliner Brauerei anlässlich unserer Reise.

Landung TLV, Ben Gurion Airport

Vize- Außenministerin Zipi Chotoveli, jüngstes Mitglied der Regierung begrüßt uns

Vize- Außenministerin Zipi Chotoveli, jüngstes Mitglied der Regierung begrüßt uns

Ein Haufen Journalisten auf dem Rollfeld, antreten zum Gruppenfoto. Direkt weiter in die Busse, Empfang durch die Vize-Außenministerin, die gleichzeitig  auch die jüngste Ministerin im Kabinett ist. Ohne unsere Koffer zu sehen ging es weiter, Fahrt nach Jerusalem, die wunderschöne Landschaft Israels erwartetet uns.

Im Hotel ging es dann weiter, schnell in Abendgarderobe kleiden, formelles Abendessen mit Begrüßungsreden, unter anderem auch von David Grossmann, einem der bekanntesten Autoren Israels, und, für uns alle überraschend, offener Regierungskritiker. Eine Deutsche Botschaft hätte wohl kaum einen Regierungskritiker eingeladen um am ersten Tag die Gäste zu begrüßen. Nur einer der vielen Dinge die mich sehr positiv überraschten auf dieser Reise. „Allow yourself to be confused by all the diversity in Israel.“ Ein Satz der mir in Erinnerung blieb.

David Grossmann begrüßt uns in Israel

David Grossmann begrüßt uns in Israel

Tag 2: Montag, 30.11.2015

6:30 Wecker klingelt.

7:30, es geht los, Tour durch die Altstadt Jerusalems. Vorne und hinten in unser Gruppe jeweils ein Sicherheitsbeamter des Ministry of Foreign Affairs, aber auch so habe ich mich zu jedem Zeitpunkt während der Reise sicher gefühlt. Einen Terroristen hätte wohl auch dieser Sicherheitsbeamte nicht aufgehalten.

Blick vom Stadttor an der Stadtmauer entlang

Blick vom Stadttor an der Stadtmauer entlang

Unter anderem besuchten wir das Jaffo Gate, die Grabeskirche und die Klagemauer.  Als Lübecker war ich erstaunt über die leere Altstadt, die Erklärung: Alleine zum Weihnachtsmarkt kommen nach Lübeck genausoviele Touristen wie nach Jerusalem im ganzen Jahr.

KlagemauerFlagge

Fahrt in die Hebrew University Jerusalem, Grußworte durch Prof. Ben Sasson und Prof. Gadi Taub, Präsident und Vize der Universität. Letzterer mit einem Exkurs in sein eigenes Spezialgebiet das unsere Reise dominieren wird: Außen- und Sicherheitspolitik aus israelischer Sicht.

Danach endlich normale Menschen treffen, Mittagessen gemeinsam mit Studierenden der Hochschule mit der Gelegenheit für viele Fragen. Studentisches Leben, Finanzierung uvm. Leider einer der ersten Termine, viele sollten noch folgen, die mit dem berühmten Satz „Guys, we must go, i am sorry, but we are already 30 minutes late“ beendet wurden. Den Nachtisch aßen wir also auf dem Weg zum Bus.

Nun ging es ins Außenministerium, die gemeinnützige Organisation ANO stellt sich vor, sie organisiert Soziale Proteste und versucht damit Einfluss auf die Politik zu nehmen. Auch hier die Erkenntnis „In Deutschland würde niemand Organisationen wie Change.org oder campact im Außenministerium vor Staatsgästen reden lassen“.

Offener kritischer Diskurs in der israelischen Gesellschaft scheint ein fester Wert zu sein.

Kurze Fahrt zum Hotel, weiter geht’s „Tasting Tour auf dem Machne Yehuda Market“. Hier sieht man erneut die Vielfalt der Gesellschaft: Äthiopische Geschäfte neben Arabischen, neben Iranischen, neben israelischen usw. Vielfalt an Gewürzen, Gerichten und anderen Produkten. Von Wellness über Küche zu Kleidung und Bars, hier gibt es alles.

Wieder zurück zum Hotel, informelles Essen und Musikevent im „The Justice“ mit der Band „The Apples“ (http://www.theapples.net/ ) – Party und entspanntes Vernetzen mit den Mitreisenden war angesagt.

Musikevent und Abendausklang

Musikevent und Abendausklang

Tag 3: Dienstag 1.12.2015

07:00 Check-Out, Dresscode: Formal Business Style

Erneut ins Außenministerium, dort dann Begrüßung durch Dore Gold, dem Generaldirektor des Ministry of Foreign Affairs und durch Dr. Clemens von Götze, dem deutschen Botschafter in Israel.

Weiter geht’s mit einem persönlichen Bericht von Arye Shalicar Presseoffizier der Israeli Defense Forces (IDF), aufgewachsen im Berliner Wedding und früh mit Antisemitismus in Berührung gekommen. 2001 wanderte er nach Israel aus und studierte dort. Seit 2009 dient er in der IDF als Presseoffizierund betreibt die deutsche Facebook-Seite der IDF. Autor des Buches „Ein Nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“. Seine Erzählungen aus dem Wedding und der Jugendzeit eines Juden im sozialen Brennpunkt waren lebensnah (aber nicht immer zitierfähig), nur noch ein letztes Zitat: „es hilft einfach denjenigen mit der größeren Waffe zu kennen“.

Nach einem Bericht über die Deutsch-Israelischen Wirtschaftsbeziehungen durch Grisha Alroi-Arloser, Geschäftsführer der Außenhandelskammer Israels, ging es dann zur Holocaust Gedenkstätte Yad-Vashem. Ein bewegender, wenn auch unter Zeitdruck stehender Besuch folgte. Immer wieder erschreckend wenn man die Dokumente der Verbrecher sieht, und feststellt alle um einen herum lesen die Übersetzungen an der Wand, während ich gerade die Originaldokumente lesen kann. Draußen, beim Blick über die Täler Jerusalems, konnte man dann kurz durchatmen bei einem wunderschönen Ausblick.

Befreiender Ausblick von YadVashem aus

Weiter ging es zum Empfang im Präsidentenpalast durch Reuven Rivlin, dessen hervorragende Rede wir nach einem kurzen Sicherheitscheck genießen durften. Rivlin, der vor 50 Jahren selbst gegen die Aufnahme der Beziehungen mit Deutschland demonstriert hat, begrüßte uns alle freundlich. Er sei froh, dass Deutschland zu den wichtigsten Partnern Israels gehöre, und sogar zu einem der wichtigsten Freunde Israels geworden ist mit dem man viele Werte teile. Die deutsch-israelische Freundschaft sei sogar so groß, das man sich gegenseitig kritisieren könne, er schätze die stetige Kritik als wichtigen Beitrag zum Diskurs über Sicherheitsfragen.

In der Präsidentenresidenz (Foto Avi Dodi, MFA)

Danach ging es nach Tel-Aviv. Check-In im Hotel. Nach dem Abendessen gab es dann einen geführten „Pub Crawl“ durch einige Tel Aviver Bars um das berühmte Nachtleben kennen zu lernen.

Tag 4: Mittwoch 2.12.2015

Heute standen das Wolfson Hospital und die Organisation „Save a Childs Heart“ auf dem Terminkalender. Eine Organisation, die Kindern, vor allem aus Entwicklungsländern Afrikas, aber auch aus dem Gaza-Streifen und aus Israel, kostspielige Herzoperationen ermöglicht und auch für eine Unterkunft sorgt.

Am Nachmittag ging es dann Fußballspielen mit palästinensischen, arabischen und israelischen Kindern. Ein hervorragendes Projekt des Shimon Peres Center for Peace. In den Köpfen dieser Kinder spielen die Feindschaft und die aktuellen Attacken keine Rolle. Sport und Freundschaft verbindet die Kinder über Religionen und Grenzen hinweg.

Shimon Peres Center For Peace: Fußball mit israelischen und palästinensischen Kindern

Weiter ging es dann zum ultra-orthodoxen Campus der ONO, nach einer kurzen Vorstellung der Hochschule durch Yhezkel Vogel, folgte eine tiefgreifende kritische Diskussion über das Familienbild der ultra-orthodoxen und über die starke Separation der ultra-orthodoxen Charedi von der restlichen Gesellschaft Israels. An der ONO unterrichten und studieren nur Männer, und wenn man nicht gerade Staatsgast ist, wären wir als nicht-Juden und mit Frauen in unserer Gruppe wohl auch nur sehr schwierig dort hineingekommen. Normalerweise studieren Männer in der ultra-orthodoxen Gesellschaft lediglich die Thora, während Frauen eher die Rolle der Familienmutter von 5-11 Kindern und gleichzeitig der Erwerbstätigkeit nachgehen, da Männer die Arbeit oft verweigern. Ein Familien-, und Frauenbild, das für mich als Feministen schwer nachzuvollziehen und zu verstehen war.

Tag 5: Donnerstag 3.12.2015

Check-Out aus dem Hotel, heute wieder im Formal Business Style, wie es auf unserem Timetable stand. Zuerst Verabschiedung im Hotel durch Alon Ushpiz, Vize-Generaldirektor im Außenministerium. „We hope you will return to Israel, but please on your own cost. We spent tons of money on your trip. But, as I heard, it was worth it!”

Es ging wieder nach Jerusalem. Empfang durch Benjamin „Bibi“ Netanjahu, Premierminister Israels. Spannende, statt 30 Minuten, fast anderthalb Stunden dauernde, Rede. Rhetorisch und Methodisch die beste Rede, die ich in meiner Zeit je gehört habe. Ich hätte ihm noch stundenlang zuhören können, auch wenn ich definitiv nicht jede seiner Meinungen teile. Hauptthema war die Außen-und Sicherheitspolitik Israels. Spontan auch an einer Karte erklärt.

We will build our creativity, our economy, our culture, our television programs — every realm of human creativity. And forge those links with those Arab states who want to see the defeat of medievalism and the triumph of modernity, and get everyone else to join in this common effort because the future of our world, not just the future of Israel, the future of your world, depends on our success.”

received_10156314825000346 "Bibi" Netanjahu erklärt die Welt

Auch ein klarer Satz zur Kritik die Israel als Kolonialisten und Imperialisten darstellt fiel dann noch: “We’re not Belgians in the Congo. Nor are we the French in Algeria or for that matter the Spanish in Mexico. We’ve been around here a long time. And we recognize that there is another people here, even though they came thousands of years later. They still live here and we have to coexist.”

Abschiedsfoto "meines" Busses

Abschiedsfoto „meines“ Busses

Danke an alle, die diese Reise so einmalig gemacht haben. Danke auch an die isralische Botschaft in Berlin und das Ministry of Foreign Affairs in Jerusalem. Namentlich auch danke an Tibor Schlosser, ehemaliger Generalkonsul in München, unserem hervorragenden Betreuer im Bus, der es sich nicht hat nehmen lassen, uns immer wieder auch mit persönlichen Erzählungen über sein Land und das Leben dort die Zeit im Bus zu vertreiben.

Das was bleibt ist für mich „Allow yourself to be confused“. Mein Bild von Israel ist gewachsen, differenzierter geworden, aber auch verwirrender. Klar ist nur, Israel muss in seiner Form als jüdischer Staat und Rückzugsgebiet der Juden, die auf der ganzen Welt nach wie vor Antisemitismus ausgesetzt sind, erhalten bleiben. Klar ist aber auch, Frieden kann es dort nur geben, wenn es mehr Austausch zwischen den Menschen gibt, und alle sehen, dass auf der anderen Seite des Zaunes auch nur Menschen stehen. Menschen, mit den gleichen Ängsten und Bedürfnissen nach einem sicheren Zuhause, eine gute Bildung für ihre  Kinder, und einen guten Job, der es erlaubt, seinen Lebensstandard zu halten und zu erhöhen.

 

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