Wie steht es um die Fachkräfte von morgen? Die duale Ausbildung im Fokus.

„Alle Potentiale erschließen.“ Unter diesem Motto verfolgt seit 2014 die Allianz für Aus- und Weiterbildung, bestehend aus der Bundesregierung, den Ländern, verschiedenen Akteuren der Wirtschaft, den Gewerkschaften sowie der Bundesagentur für Arbeit, eine Förderung der beruflichen Bildung. Die duale Ausbildung soll attraktiver für potentielle Bewerber werden, indem u.a. die Passungsprobleme zwischen Bewerbern und Unternehmen nachhaltig verringert werden und die Qualität der Ausbildung kontinuierlich ausgebaut wird. Zusätzlich soll die Anzahl der angebotenen Ausbildungsplätze sowie der ausbildungsbereiten Betriebe erhöht werden. Junge Menschen sollen für die Aufnahme einer Lehre begeistert werden, auch um dem vielfach beschriebenen Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Mit der Initiative „Zukunft im Norden“ nimmt sich Schleswig-Holstein diesem Thema an. Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) sieht für das nördlichste Bundesland einen zu deckenden Bedarf von 100.000 Fachkräften bis zum Jahr 2030. Die Bedeutung der dualen Ausbildung ist unter diesem Aspekt immens.

Stand der dualen Ausbildung in Deutschland

Der am 01.09.2016 veröffentlichte ‚Ausbildungsreport 2016‘ des Deutschen Gewerkschaftsbundes macht in diesem Zusammenhang erneut deutlich, wie wichtig die Befassung des Themas durch die Politik ist. Trotz eines leicht gestiegenen betrieblichen und außerbetrieblichen Ausbildungsplatzangebots im Jahr 2015 auf deutschlandweit 563.055 Stellen (ca. +2.700 Stellen zum Vorjahr) konnten zum Stichtag am 30.09.15 40.960 dieser Plätze nicht besetzt werden. Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen übersteigt zwar in absoluter Zahl das Angebot mit 602.886 Bewerbern (Berechnung nach erweiterter Definition der Bundesagentur für Arbeit), jedoch sind immer weniger junge Menschen an der Aufnahme eines gewerblichen bzw. handwerklichen Berufes interessiert (Rückgang von ca. 1.500 Personen). Auf Seite der Ausbildungsplatznachfrage setzt sich somit in bundesdeutscher Summe der Trend der letzten Jahre fort. Erstaunlicherweise ist mit Blick auf die hohe Zahl an unbesetzten Lehrstellen festzustellen, dass immerhin 20.712 Bewerber keinen Ausbildungsvertrag erlangen konnten. Die Zahl der unversorgten jungen Menschen erscheint bei genauerer Betrachtung sogar noch größer, da man bei über 93.000 ehemaligen Bewerbern nichts über ihren weiteren Verbleib auf dem Lehrstellenmarkt sagen kann. Dies bedeutet, dass diese Personen weder ihre Ausbildungssuche nach erstmaliger Ablehnung fortsetzen, noch eine anderweitige Bildungsalternative wahrnehmen, wie bspw. das schulische Übergangssystem, ein Studium oder ein freiwilliges soziales Jahr. Diese Zahlen offenbaren, dass es unbedingt notwendig ist, mehr betriebliche Ausbildungsstellen zu schaffen und einen geeigneten Zugang für eine individuelle Berufsberatung junger Menschen zu finden. Dass die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Jahr 2015 um 1200 Verträge auf nun 522.093 neue Lehrlinge zurückgegangen ist, verdeutlicht, dass ein Wandel in der nachschulischen Bildungsentscheidung von Jugendlichen zu verzeichnen ist. Dahingehend müssen die Beratungsangebote auf die individuellen Bedürfnisse der Schulabgänger angepasst werden. Dennoch darf in Hinsicht auf den Beginn einer sich entwickelnden Berufslaufbahn der wirtschaftliche Bedarf der unterschiedlichen Branchen nicht außer Acht gelassen werden. Bei Berücksichtigung dieser Aspekte sollte der Übergang zwischen Ausbildung und Berufseinstieg gut gelingen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Auszubildenden die Möglichkeiten der beruflichen Weiterbildung und betrieblichen Entwicklung aufgezeigt werden, da eine gute Ausbildung insbesondere für die steigende Anzahl an Abiturienten ein attraktiver Weg für einen erfolgreichen Berufseinstieg sein kann. Der Anstieg des Ausbildungsangebots durch betrieblich organisierte duale Studiengänge stellt hierbei den Versuch dar, den Wunsch der stetig steigenden Schulabgänger nach einem Fach- bzw. Hochschulstudium auch aus beruflicher-akademischer Perspektive nachzukommen.

Die Situation im hohen Norden

Mit Blick auf Schleswig-Holstein lassen sich zum gesamtdeutschen Bild des Ausbildungsmarktes einige Gemeinsamkeiten, jedoch auch landesspezifische Unterschiede erkennen. Nach dem Berufsbildungsbericht 2016 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist die Anzahl der neu geschlossenen Ausbildungsverträge in Schleswig-Holstein um 399 auf 20.197 Stück im Jahr 2015 angestiegen. Von diesem Zuwachs profierten in absoluten Zahlen vor allem das Handwerk, die freien Berufe und der öffentliche Dienst. Einzig die Ausbildungslage im Bereich der Hauswirtschaft ist trotz der eigentlich positiven Entwicklung rückläufig. Dennoch besteht auch in Schleswig-Holstein das Problem, dass eine hohe Anzahl an offenen Ausbildungsstellen (1.227 Stück) nicht besetzt wird. Obwohl freie Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen, blieb laut Bundesagentur für Arbeit in 2015 für 1.629 Bewerber die Zusendung eines Ausbildungsvertrages aus und der Wunsch nach einer Lehre bestehen. Ein Widerspruch? Durchaus! Wie kann es sein, dass bei einem offenen vierstelligen Ausbildungsplatzangebot dennoch eine vierstellige Ausbildungsplatznachfrage durch junge Menschen besteht und diese Jugendlichen nicht in den Ausbildungsmarkt überführt werden können?

Über die Gründe dieser paradoxen Situation auf dem Schleswig-Holsteinischen Ausbildungsmarkt muss politisch diskutiert werden! Die Passungsproblematik zwischen Bewerbern und Unternehmen ist nur ein Aspekt der Diskussion. Politik muss sich darüber hinaus auch die Frage stellen, wie man nicht nur mehr jungen Menschen den Zugang zu einer passenden Ausbildung ermöglichen kann, sondern wie diese nach dem Erhalt ihrer Berufsreife einen erfolgreichen Übergang in den Arbeitsmarkt bewältigen. Die Form der vollzeitschulischen Ausbildungen stellt hierbei nur eine Notlösung für die Schaffung von weiterem Ausbildungsangebot dar. Nur durch das Erleben der Dualität zwischen Berufsschule und Betrieb kann ein Auszubildender seinen praktischen Erfahrungsschatz und seinen theoretischen Erkenntnisschatz erfolgreich bilden und dadurch den besten Weg in seine berufliche Zukunft beschreiten. Ebenfalls bauen sich junge Menschen nicht nur ihr persönliches Glück durch gute berufliche sowie allgemeingebildete Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse auf, sondern sie sind auch der Garant für eine innovative Volkswirtschaft, die ihre sozialen Strukturen für derzeitige und zukünftige Generationen erhalten kann.

Welche Baustellen lassen sich noch erkennen?

Mit Rückblick auf den DGB Ausbildungsreport sind neben den bereits angesprochenen Punkten einige weitere Handlungsfelder zu benennen. Von den 13.603 befragten Auszubildenden geben 10,6% an, dass sie regelmäßig ausbildungsfremde Tätigkeiten ausüben müssen und 34,8% der Auszubildenden leisten andauernd Überstunden für den Betrieb. Diese Werte haben sich im Vergleich zum Vorjahr zwar verbessert, jedoch zeigen sie, dass noch mehr Wert auf die Qualität der Ausbildung gelegt werden muss. Eine gute Möglichkeit kann hierbei der vom DGB geforderte betriebliche Ausbildungsplan sein, welcher dem Auszubildenden einen genauen Ablauf über seine praktischen Stationen und die damit verbundenen theoretischen Inhalte im Unternehmen aufzeigt. Zur Verbesserung der Qualität muss daneben auch die stetige Auffrischung der sachlichen sowie sozialen Qualifikationen der betrieblichen Ausbilder garantiert sein. Ein Ansatzpunkt ist die Reformierung der Ausbildereignungsordnung. In diesem Zusammenhang sind auch die psychischen Belastungen von Auszubildenden zu berücksichtigen, durch bspw. Leistungsdruck, lange Fahrtzeiten zur Berufsschule oder zum Betrieb, Zeitdruck bei der Arbeitsbewältigung, Probleme mit Kollegen, schlechte Pausensituationen aber auch unzureichende Ausbildungsvergütung zur Lebensbewältigung. Ein Abbruch der Ausbildung ist bei Auszubildenden, die sich fortwährend psychischen Belastungen ausgesetzt sehen, sehr wahrscheinlich. Dies kann durch achtsame Ausbilder, gute Rahmenbedingungen sowie durch eine entsprechende Ausbildungsvergütung verhindert werden.

Politisch müssen zudem Anreize für Unternehmen geschaffen werden ihr Ausbildungsplatzangebot zu erweitern, um zum einen in der Fläche die berufliche Vielfalt zu erhalten und zum zweiten die Herausforderungen der betrieblichen Ausbildung solidarisch auf viele Schultern zu verteilen. Es ist nicht ausreichend für eine der weltweit größten Volkswirtschaften, dass lediglich jedes fünfte Unternehmen ausbildet.

Die Diskussion rund um die berufliche Bildung muss heute mehr denn je durch uns geführt werden, damit auch in Zukunft die betriebliche Ausbildung eine attraktive Alternative für junge Menschen ist, um ihren Gang auf dem beruflichen Lebensweg zu begehen.

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