Deutsch lernen in Deutschland – Praxistag in der Volkshochschule in Kaltenkirchen

Viele reden zur Zeit darüber, dass  Geflüchtete neben einem Dach über dem Kopf auch Hilfe brauchen, um sich im Alltag zurecht zu finden. Allem voran natürlich, in dem man die deutsche Sprache lernt. Doch wie sieht so ein Sprachkurs wirklich aus und wo kann man sowas überhaupt machen?

Diese Fragen führten mich zur Volkshochschule nach Kaltenkirchen, in der viele verschiedene Sprachkurse angeboten werden.

Und schon da zeigte sich der erste Knackpunkt: Integrationskurse, ESF-BAMF-Kurse, DeuFöV, STAFF.SH, städtische Initiativen (Politische Bildung für Geflüchtete als Deutschunterricht nach der Erstorientierung, kurz: PFaDE). Verschiedene Ebenen kümmern sich darum, dass Sprachkurse von Träger*innen wie der Volkshochschule angeboten werden können. Und keiner ist gleich. Die Integrationskurse und die BAMF-Qualifizierungen sind nur für anerkannte Geflüchtete offen. Die STAFF-Kurse des Landes seit kurzem zum Glück auch für die, deren Status noch nicht geklärt ist. Und die Stadt Kaltenkirchen nimmt auch selbst in die Hand, um Maßnahmen zu fördern. Zu allem Überfluss werden alle Kurse deshalb auch verschieden abgerechnet. Höhe Verwaltungsaufwendungen sind dadurch vorprogrammiert. Doch die werden gar nicht bezahlt, sondern nur die Kosten der Dozent*innen abgerechnet. Je mehr Kurse angeboten werden (was ja gut ist, um allen ein Angebot zu machen), desto größere Probleme hat die Volkshochschule, das organisatorisch zu stemmen.

“Wie spät ist es?”

Mein erster Weg führt mich an diesem Tag in einen STAFF-Kurs. Hier ist zudem besonders, dass es sich nicht nur um Geflüchtete handelt, die noch nicht wissen, ob sie bleiben dürfen. Allein das ist schon ein Problem. Wer ziemlich sicher bleiben darf (z.B. Syrer*innen) bekommt ein schnelleres Verfahren. Genauso wie die, die ziemlich sicher nicht bleiben dürfen. Aber was ist mit dem Ägypter, der in seinem Land um sein Leben fürchten muss? Was ist mit den afghanischen Müttern, die nicht nur Sprachkurs und Kindererziehung vereinbaren müssen, sondern auch neuerdings das geregelte Verfahren durchlaufen müssen und nicht mehr sicher sein können, ob sie wirklich blieben dürfen, obwohl sich nichts an den Fluchtgründen geändert hat, als sie vor zwei Jahren (!) nach Deutschland gekommen sind?

Sondern besonders ist auch, dass alle, die in diesem Kurs sitzen, um deutsch zu lernen, nie in ihrer Muttersprache gelernt haben, zu lesen und zu schreiben. Ein Alphabetisierungskurs. Die Dozentin ist Deutsche und spricht auch nur deutsch. Eine ehemalige Lehrerin. 15 Menschen, die teilweise wenige Wochen, teilweise mehrere Jahre hier sind. Alle lernen JETZT das erste Mal richtig deutsch.

Das Thema war an diesem Tag die Uhrzeit, eines der schwierigeren Themen in solchen Kursen, wie man mir sagte. Als Muttersprachler kaum vorstellbar, wie schwer es sein kann, die Uhr zu lesen und auf die Frage “Wie spät ist es?” zu antworten. Mit dem Hilfsmittel einer analogen Holzuhr ausgestattet übte die Gruppe akribisch, die Zeit abzulesen. Dreieinhalb Stunden waren zu diesem Zeitpunkt schon vergangen, als ich dazu kam, meine Begleitung, selbst Flüchtling aus Syrien und inzwischen Freiwilligendienstler in der VHS, der die arabischen Randbemerkungen übersetzen konnte, flüsterte mir nur zu “er sagte, ihm ist schon ganz schwindelig mit den ganzen Zahlen”.

Aber ich habe auch erlebt, dass Kommunikation trotz Barrieren nicht nur funktioniert, sondern man auch konzentriert lernen kann trotz der Hürde. Und, dass alle bis in die Haarspitzen motiviert waren und sich über jedes falsch ausgesprochene Ö oder Ü (“Es ist zwölf Uhr fünfzehn”) ehrgeizig ärgerten.

Die Zeit läuft uns davon

Mir wird berichtet, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine Erhöhung der Honorare für DaZ-Dozent*innen auf 35 Euro vorgenommen und so den Markt der freien Dozent*innen kräftig durcheinander gebracht hat. Offenkundig, um den Anreiz zu erhöhen, sich durch Zusatzqualifikationen, die dafür notwendig sind, weiterzubilden und so den großen Bedarf für Sprachunterricht zu decken. Dass die Honorare im ‘herkömmlichen’ Bereich teilweise deutlich darunter liegen, löst auf die gesamte Sparte einen großen Druck aus. Letztlich kommt es den Dozent*innen zu Gute, die sicher auch in ihrer Selbstständigkeit mehr Sicherheit durch höhere Entgelte verdient haben. Aber der ‘Preisschock’, den das BAMF dadurch ohne Vorwarnung ausgelöst hat, wird sich in den nächsten Monaten und Jahren sicher auf die Landschaft der Volkshochschulen auswirken und es bleibt bislang unklar, wie sich die Angebotsbreite dadurch entwickeln wird, insbesondere für den Fall, wenn irgendwann wieder weniger Deutschlehrer*innen für Sprachkurse gebraucht werden.

Denn neben der großen Aufgabe der Sprach- und Integrationsförderung hat die Volkshochschule auch ein Kerngeschäft, das weiterhin unter Druck steht. Erfreulich ist es dabei allerdings, dass die großen, hauptamtlichen Volkshochschulen wie in Kaltenkirchen den Schritt gewagt haben, die Dozent*innen im Bereich der Sprachkurse fest anzustellen und so sichere Arbeitsbedingungen, aber auch bessere Planbarkeit der Angebote geschaffen haben.

Andere Länder, andere Sitten

Im zweiten Kurs, in dem ich hospitierte, war das Niveau deutlich höher. Zudem war es ein Tandemkurs mit Online-Lernmodulen. Eine kleine Gruppe wurde aus einem anderen Kurs zur Vertiefung gesondert unterrichtet. Alle haben das Ziel, das Sprachniveau B1 zu erreichen. Denn ohne B1 hat man es verdammt schwer, einen Job zu finden. Die Aufgabe war es, einen deutschen Text zu lesen.

Erst Wort-Verständnis: Kenne ich alle Wörter und was bedeuten sie? Zur Hilfe genommen werden durfte der Google-Übersetzer. Da auch alle (inzwischen)  wussten, dass dieser nicht immer richtig und noch seltener mehrdeutige Worte korrekt wiedergibt, waren alle sehr umsichtig damit. Er hilft, Anhaltspunkte zu bekommen für ein unbekanntes Wort. Nicht perfekt, aber häufig doch zumindest ausreichend. Gemeinsam wurde der Text abschnittsweise laut vorgelesen.

Im zweiten Schritt das Text-Verständnis: Was steht da eigentlich drin? Was bedeuten die Aussagen? Der Text handelte von der Einteilung des Biologen Desmond Morris von Nationen in Arm-Zonen, also danach, wie nah man sich gegenüber stehen kann, ohne dass z.B. ein Gespräch unangenehm wird. Das war quasi der dritte Schritt im zweiten: Die Teilnehmer bekamen gleichzeitig vermittelt, dass es verschiedene, kulturelle Umgangsformen bei Gesprächen in verschiedenen Ländern gibt. Wieder gemeinsam wurden dann an der Tafel nochmal tabellarisch festgehalten, welche Ländern in welche Arm-Zonen eingeteilt werden, was damit kulturell ‘erlaubt’ und was nicht ist. Den wenigsten fiel dies leicht. Auch hier merkte man, wie schwer es ist, die deutsche Sprache zu verhandlungssicher lernen zu können, um ohne Probleme eine Job aufnehmen zu können.

Gut Ding will Weile haben

Wo liegen in Zukunft die Herausforderungen im Bereich der Kurse für Flüchtlinge?

Organisatorisch wird sich bei der Gestaltung der Kurse, die das BAMF anbietet, einiges verändern. Die Regulären BAMF-Kurse in Vollzeit fallen in Zukunft weg, die Teilzeitkurse können noch bis Ende 2017 beantragt werden, somit ist damit spätestens nach dem letzten Durchlauf der Kurse Mitte 2018 Schluss. Wohlgemerkt: Kurse, die funktionieren, mit denen die Träger vielfältige Erfahrungen gemacht haben, und vor allem: Kurse, in denen die Geflüchteten bis zu 600 Unterrichtsstunden haben, um eine Qualifikation zu erwerben.

Das neue ‘Zauberwort’ heißt nun DeuFöV: Die Verordnung über die berufsbezogene Deutschsprachförderung ist seit Juli 2016 in Kraft. Die ersten DeuFöV-Kurse laufen an, allerdings nicht in Kaltenkirchen. Hier setzt man noch auf die bewährten Kurse. Nicht zuletzt, weil die neuen DeuFöV-Module nur noch 300 Stunden umfassen. Schon jetzt schaffen bei weitem nicht alle den Kurs beim ersten Mal, einige müssen sich nochmal prüfen lassen und Teile wiederholen. Das heißt: mit DeuFöV und seinen deutlich geringem Stundenumfang ist das Scheitern vorprogrammiert. Auch als Laie in diesem Thema und den Einblicken in die beiden Kurse ist mir klar: das kann nicht funktionieren.

Was noch nicht funktioniert, ist, dass diejenigen, die unterrichten sollen, ausgebildet werden. Für die neuen Kurse werden Qualifikationen vorausgesetzt, die viele formal erst noch erwerben müssen. Das absurde dabei ist, dass einige sogar selbst solche Weiterbildungen anbieten könnten, auch wenn sie die Qualifikation formal nicht haben, aber auch das nicht dürfen. Die beiden Einrichtungen, die im Auftrage des BAMF solche Fortbildungen anbieten, sind heillos ausgebucht. Kurse können teilweise nicht starten, weil Menschen, die qualifiziert sind, aber das nicht im Sinne des BAMF schwarz auf weiß haben, auf ihre eigene Fortbildung warten müssen, die sie aber eigentlich gar nicht brauchen. Die Volkshochschule Kaltenkirchen hat sogar angeboten, ein weiteres Schulungszentrum einzurichten, um den großen Bedarf zu decken. Das Fachpersonal, um solche Fortbildungen anbieten zu können ist da, aber ein neues Schulungszentrum nicht gewollt. Die Bürokratie macht sich das Leben selbst schwer und das System instabil.

Hinzu kommt, dass der große sozialpädagogische Bedarf, Trauma-Begleitung und Hilfe bei der Bewältigung der Alltagsaufgaben nur im Ansatz Teil der Angebote ist. Das wird eine Mamut-Aufgabe werden. In den Kursen sitzen sehr häufig sehr viele traumatisierte Frauen und Männer, denen nicht geholfen wird, mit ihrer Situation umzugehen. Aber wie soll ich mich darauf konzentrieren können, deutsch zu lernen, wenn ich immer noch nicht überwunden habe, was sich in meinen Kopf eingebrannt hat, was mich jeden Tag belastet? Die Menschen, die ich in den Kursen getroffen habe, haben teilweise schlimmes erlebt. Sie wissen nicht, ob ihre Ehemänner noch leben, ob die Familie, die zurückgeblieben ist, noch da ist. Die Bombenangriffe aus nächster Nähe erlebt haben und zum Teil dadurch auch körperlich geschädigt sind. Damit umzugehen und diesen Menschen auch dabei zu helfen, wird eine große Aufgabe der nächsten Jahre sein.

Ich habe mutige und ehrgeizige Menschen kennengelernt, die froh sind, dass sie endlich Deutsch lernen können, unter anderen Menschen sind, die sie verstehen, die mit Herzblut dabei sind und sich nicht unterkriegen lassen, obwohl andere vielleicht schon bei der Hälfte der Probleme, die diese Menschen in ihrem Alltag bewegt, in die Knie gezwungen worden wären. Ich habe engagierte und gesellschaftlich verantwortungsbewusste Menschen kennengelernt, die nicht auf die Uhr schauen, wenn es mal länger im Büro wird. Die sich mit jedem und jeder einzeln beschäftigen, motivieren und unterstützen. Die sich selbst durch die kompliziertesten bürokratischen Hürden nicht kleinkriegen lassen und es nehmen, wie es kommt.

Alexander Wagner

Frederik Digulla

Frederik ist seit März 2014 stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos Schleswig-Holstein. Er studiert in Kiel Deutsch und Wirtschaft/Politik im Master. Gleichzeitig arbeitet er im Bad Segeberger Wahlkreisbüro des Bundestagsabgeordneten Franz Thönnes. Gemeinsam mit Lars leitet er die Kommission Äußeres, außerdem koordiniert er die Praxiswoche der Jusos Schleswig-Holstein. Seine Themenbereiche sind Wirtschaft, Arbeit und Soziales sowie Osteuropa.

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