Ein Tag beim kommunalen Entsorgungsunternehmen

Fünf Uhr fünfundvierzig. Dienstantritt auf dem Betriebshof des Wegezweckverbands (WZV) in Bad Segeberg. Die Schicht der Müllwerker beginnt um 6.00 Uhr, diesmal steht Bad Segeberg auf dem Plan. Der Wegezweckverband ist ein kommunaler Zweckverband aller Kommunen des Kreises Segeberg (außer Norderstedt) zur vertraglich vereinbarten, gemeinsamen Wahrnehmung von öffentlichen Aufgaben. Vereinfacht gesagt: so erspart sich das kleine Dorf genauso wie das Mittelzentrum, eigene Müllabfuhr, Straßenwärter, Winterdienst, Abwasserentsorgung etc. vorzuhalten.

Vor dem Start der ersten Tour, die mich mit meinen neuen Kollegen unter anderem in den Kurt-Schumacher-Ring führen wird, werde ich in die Sicherheitsvorkehrungen eingeweiht, das heißt, welche Kleidung ich zu tragen habe und wie ich mich am Müllfahrzeug verhalten muss. Erst nach Unterschrift darf ich mich umziehen.

„Hier muss keiner was beweisen“

Noch auf dem Betriebshof bekomme ich eine Einweisung in das Fahrzeug, genauer: die Schüttung. Automatisiert zieht das Fahrzeug die Tonnen noch oben und entleert sie in den Container, nachdem die Behälter an der vorgesehenen Einrichtung eingehakt werden. Das kennt eigentlich jeder, der das schon mal vor der eigenen Haustür gesehen hat, klingt banal, ist es aber nicht unbedingt. Da kann man mehr falsch machen, als ich dachte. Letztlich ist das trotz all des Drecks und Geruchs ein hochspezialisiertes Fahrzeug, das fast eine halbe Million Euro kostet. Auch hier wird mir nochmal von den Kollegen gesagt: Sicherheit geht vor Schnelligkeit, „hier muss keiner was beweisen“. Man ist zwar froh, wenn man zügig fertig wird, aber 30 Minuten länger arbeiten ist immer noch besser als von einer Biotonne beim Schüttungsvorgang erschlagen zu werden. Zur Erheiterung am Morgen haben dann auch noch einige Tonnen-Inhaber*innen‘ gesorgt, die – vom Lärm des Müllfahrzeuges geweckt – noch schnell im Schlafanzug den Behälter an die Straße stellen, oder damit in der Hand sogar dem Wagen hinterherlaufen.

Wie ich später erfahre, bezeichnet man die Bio-Müll-Sammlung mit einem Augenzwinkern als Königsdisziplin. In der ersten Pause wussten meine Arme dann auch schon, warum. Jede Tonne wiegt 90 bzw. 110 Kilogramm, eigentlich. Aber jede dritte Tonne ist maßlos überfüllt. Manche konnte ich tatsächlich nur mit Hilfe überhaupt bewegen. (Ich werde jedenfalls die eigene Biotonne nie mehr bis zum Rand voll machen…).

Müllwerker wird man in erster Linie als Quereinsteiger. Je nach Alter und Aufgabe verdient man zwischen 2.000 und 2.500 Euro, nicht viel für diesen schweren Job, aber man kann damit klarkommen. Was mir hier schon auffällt: Die Kollegen sind froh über den Job, der einen zwar fordert, aber sicher und geregelt ist. Wer um 6 Uhr anfängt, kann um 15 Uhr schon nach Hause. Auch andere Kollegen, die ich später treffe, sagen mir ähnliches und sind am Nachmittag auch häufig noch ehrenamtlich aktiv, z.B. bei der Feuerwehr. Seit 2003 werden alle neuen Kolleg*innen bei der Tochter GmbH des WZV angestellt und nicht mehr beim WZV direkt. Deshalb verdienen die Müllwerker der GmbH weniger als die Müllwerker des ‚Kern-WZV‘. Erste werden nach Tarif der Entsorgungswirtschaft bezahlt, letztere nach öffentlichem Tarifrecht. Dieser Unterschied war in der Vergangenheit bereits Thema in der Kreispolitik. Der wirtschaftliche Druck war damals genauso wie heute hoch. Die Liberalisierung der Entsorgung als eigentlich öffentliche Aufgabe hat einen Preiskampf ausgelöst, den private Unternehmen häufig über geringere Lohnkosten gewonnen haben. Dass die öffentliche Hand wie mit dem WZV die Entsorgung noch selbst durchführt, ist seit dem nicht mehr selbstverständlich.

Als Mitarbeiter beim WZV ist man vor allem eines: unterwegs auf den Straßen des Kreises

Nach dreieinhalb Stunden Tour und fast 10 Tonnen Biomüll ist der Container voll und wir treten die Rückfahrt zum Betriebshof an. Dort werde ich übergeben an einen Straßenwärter, mit dem ich am Nachmittag noch unterwegs sein werde. Auf meinem Tagesplan steht aber erstmal „Reinigung einer Tierquerungseinrichtung“. Zwei Mal im Jahr werden Straßenunterführungen für z.B. Frösche wie zwischen Bebensee und Neversdorf gereinigt, um den Tieren die Querung zu erleichtern und zu verhindern, dass die Tiere durch Überwucherung doch auf die Straße gelangen können. Das ist dann die Aufgabe der Straßenkolonne, die im Sommer vorwiegend Straßenreparaturen vornimmt, im Frühjahr und Herbst insbesondere Knickpflege, Fahrbahnreinigungen, aber ganzjährig auch einzelne, kommunale Maßnahmen. Quasi die Eingreiftruppe für alle Fälle. In diesem Tag ist eine bunte Truppe von Straßenwärter-Auszubildenden bis zu langjährigen Anleitern zusammen auf der Kreisstraße 12. Auch hier: großes Lob für den Arbeitgeber. An bekomme die Ausrüstung komplett gestellt und wenn mal was kaputt geht wird es eben ersetzt. Auch die Arbeitsgeräte sind modern oder gut gepflegt. Beim späteren Rundgang am Nachmittag erfahre ich auch ‚live‘ warum, denn er WZV betreibt eine eigene Werkstatt, die vom Handschneider bis zum Unimog alles selbst pflegt und repariert.

Die Sonne scheint. Hier wird mir besonders deutlich, dass das ein Job für jedes Wetter ist. Auch, wenn es in Strömen geregnet hätte, würde ich trotzdem im Graben neben der Straße das Gestrüpp stutzen. Das gehört dazu. „Ich finde es gut, immer an der frischen Luft zu sein. Und wenn es regnet, ziehe ich mir halt eine Regenjacke an.“ So viel Pragmatismus gefällt. Gleichzeitig erlebe ich auch, wie wenig Wertschätzung bei manchen für diese Tätigkeit da ist. Obwohl der Straßenabschnitt mit Hinweisschildern versehen ist und WZV-Fahrzeuge, die am Rand stehen, die Fahrbahn verengen, rasen einige Autofahrer*innen an der Baustelle vorbei. Es soll auch öfter vorkommen, dass nochmal extra Gas gegeben und absichtlich dicht an den Kollegen, die an der Straße arbeiten, vorbeigefahren wird.

Eine Straßenwärter-Tätigkeit ist es auch, wöchentlich die Kreisstraßen, die vom WZV gepflegt werden, zu kontrollieren. Das heißt: kleine Schlaglöcher vor Ort flicken, Auffälligkeiten und größeren Reparaturbedarf festhalten und Leitpfosten in Stand halten. Eine auf den ersten Blick kleinteilige Arbeit, aber mit großem Nutzen. Jeder defekte Reflektor an einem Leitpfosten kann im Notfall Leben im Straßenverkehr gefährden. Und wundern muss man sich auch über häufig mutwillige Zerstörung dieser Pfosten, sei es auf dem Heimweg nach der Disko oder fahrlässige Manöver mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen. Pro Pfosten kostet das den*die Steuerzahler*in 12 Euro Einkaufswert. Über die Summen, die da zusammen kommen, wenn man sich allein mal bei eigenen Autofahrten anguckt, wie viele Pfosten ersetzt werden (müssten), will man gar nicht nachdenken. Vermeidbar sind sie aber häufig.

Neben einem ausführlichen Betriebsrundgang in Bad Segeberg (es gibt sogar ein Boot mit Mähwerk, das in der Trave das Seegras stutzt…) habe ich auch eine Wasserprobe an einem Klärteich begleitet. Immerhin 64 Klärteiche gibt es im Kreis Segeberg. Insbesondere bei kleinen Gemeinden, die sich kein Klärwerk leisten können oder die Abwassermengen einfach zu gering für einen wirtschaftlichen Betrieb einer Kläranlage sind, kommt der natürliche Weg zum Einsatz. Das Wasser wird durch verschiedene Stufen eines Teiches geklärt. Dieses Wasser wird allerdings dadurch nicht wieder trinkbereit aufbereitet, sondern nur soweit der natürlichen Reinigung durch Bakterien und Algen überlassen, dass es in den natürlichen Wasserkreislauf in Bäche etc. eingespeist werden kann. Daneben kümmert sich der WZV auch um nahezu jeden anderen Bereich der Abwasserentsorgung

WZV im Umbruch durch Vergaberecht

Zurzeit steht der WZV nach der Liberalisierung Anfang der 2000er Jahre wieder vor einer Weichenstellung. Im Mittelpunkt steht die vergaberechtliche Frage, ob kommunale Anbieter wie der WZV für seine Leistungen steuerpflichtig ist oder nicht. Hintergrund ist: die steuerliche Bevorteilung würde die wirtschaftliche Tätigkeit von privaten Anbieter*innen beeinträchtigen, da diese steuerpflichtig sind und daher andere Grundkosten haben. Endgültig entschieden, wo die Reise hingeht, ist es noch nicht. Aber beim WZV geht davon aus, dass das aktuelle Modell mit Zweckverband und Entsorgungs-GmbH die längste Zeit Bestand hatte. Irrsinniger Weise deshalb, weil es unter den neuen, zu erwartenden Vorgaben zwar immer noch möglich sein soll, kommunale Leistungen ohne europaweite Ausschreibung direkt an die eigenen Kommunalbetriebe zu vergeben, aber das aktuelle Konstrukt, in dem WZV-Mitarbeiter*innen gemeinsam die Aufgaben wahrnehmen, hier nicht mehr zulässig ist. Eine Lösung ist in Sicht, einfacher wird es jedenfalls nicht. Auch hier zeigt sich im Kleinen der Liberalisierungswahn im Kapitalismus. Deshalb ist unsere sozialdemokratische Forderung, dass kommunale Daseinsvorsorge, zu der auch die Entsorgung gehört, nicht in private Hand gehört, nach wie vor aktuell und wichtig.

Frederik Digulla

Frederik ist seit März 2014 stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos Schleswig-Holstein. Er studiert in Kiel Deutsch und Wirtschaft/Politik im Master. Gleichzeitig arbeitet er im Bad Segeberger Wahlkreisbüro des Bundestagsabgeordneten Franz Thönnes. Gemeinsam mit Lars leitet er die Kommission Äußeres, außerdem koordiniert er die Praxiswoche der Jusos Schleswig-Holstein. Seine Themenbereiche sind Wirtschaft, Arbeit und Soziales sowie Osteuropa.

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