Internationale Tag der Menschen mit Behinderung

Am 3. Dezember wurde „Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung“ begangen. Mittlerweile zum 23. Mal – Anlass genug, um kurz zurückzublicken, eine kleine „Bestandsaufnahme“ zu wagen und in die Zukunft zu schauen.

Die Anfänge des Gedenktages gehen auf die frühen 1980er Jahre zurück. Die Vereinten Nationen hatten das Jahr 1981 zum „Internationalen Jahr der Menschen mit Behinderung“ ausgerufen. Es sind „Aktionspläne“ ausgearbeitet und die Jahre 1983 bis 1993 zum „Jahrzehnt der Menschen mit Behinderung“ erklärt worden. Am Ende dieser Dekade hat die Einführung des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung gestanden und es hat sich tatsächlich viel bewegt – auch in Schleswig-Holstein. Beispielsweise ist 1983 die „Staatliche Schule für Sehgeschädigte“, das heutige „Landesförderzentrum sehen, Schleswig“ gegründet worden. Eine Einrichtung, die damals durch ihre dezentrale Konzeption als „Schule ohne Schüler“ ihrer Zeit weit voraus gewesen ist und bereits praktiziert hat, was wir heute unter den Begriff „Inklusion“ subsummieren. Schon früh sind Gedanken der integrativen bzw. inklusiven Beschulung ins Schleswig-Holsteinische Schulgesetz aufgenommen worden.

Doch erst binnen der letzten Jahre hat die Inklusion die Schulen erreicht. So gibt es zwar sogenannte inklusive Beschulung und inklusive Klassen, die jedoch aufgrund der mangelnden Ressourcen sehr häufig nicht inklusiv verläuft. Da der Großteil der Lehrer*innen nicht darin geschult ist, wie man inklusiven Unterricht gestaltet und es kaum Kapazitäten – weder zeitlich noch finanziell –  für eine Unterstützung durch Sonderpädagog*innen gibt, kann eine adäquate Betreuung nicht gewährleistet werden. Diese Umstände erschweren, wie Erfahrungsberichte gezeigt haben, die Durchführung eines Unterrichts, in dem jede*r Schüler*in, behindert oder nicht, ein gleichermaßen geeignetes Lernumfeld vorfindet, um an Bildung teilzuhaben. Damit Unterricht für alle stattfinden kann, muss schon jetzt ein Ausbau multiprofessioneller Teams an Schulen beginnen. Auf die Probleme in der Schulrealität ist im Lehrkräftebildungsgesetz reagiert worden und die Christian-Albrechts-Universität nimmt eine Umgestaltung des Lehramtsmasters (Master of Education) vor. In einem Praxissemester soll das Thema Heterogenität und Inklusion als Schwerpunkt behandelt werden. So werden angehende Lehrer*innen bereits im Studium auf die Chancen und Schwierigkeiten, die sie in der Schule erwarten, vorbereitet. Wir hoffen, dass zukünftig die Schule ein Ort des gemeinsamen Lernens für Menschen mit und ohne Behinderung wird, und sehen die Verbesserung der Lehrer*innenausbildung als einen wichtigen Schritt an, denn gesellschaftliche Teilhabe und Erziehung zur Mündigkeit finden in der Schule statt.

Trotzdem Schleswig-Holsteins Schulgesetz bereits der inklusive Gedanke aufgenommen worden ist, dauert es noch mehrere Jahre bis die neue Geisteshaltung sich auch im Grundgesetz widerspiegelt. Erst am 30. Juni 1994 ergänzen die Mitglieder des Bundestages den Art. 3 Abs. 3 des Grundgesetzes um den folgenden Satz 2: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“. Dies ist ein erster Meilenstein im Antidiskriminierungsschutz und ein wichtiger Schritt in Richtung Partizipation und Inklusion.

Den 2. Meilenstein stellt die im Jahr 2009 von der Bundesrepublik Deutschland ratifizierte Behindertenrechtskonvention dar. Zahlreiche Gesetze, wie beispielsweise das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), und Verordnungen haben seitdem zum Ziel, die Teilhabe von Menschen mit Behinderung in vielen Bereichen der Gesellschaft zu stärken. Es sind Fortschritte gemacht worden, ja – es gibt aber keinen Grund, den alten Schlachtruf der Behindertenrechtsbewegung „Nicht über uns – ohne uns“ verstummen zu lassen.  “ Die Proteste in Berlin und Kiel gegen das Bundesteilhabegesetz (BTHG) haben dies noch einmal deutlich gezeigt. Der „Inklusionsprozess“ ist keineswegs ein gradliniger Prozess, er verläuft im Zickzack – und er ist keine Einbahnstraße, sondern eine gewaltige gesellschaftliche Herausforderung, deren Bewältigung zuerst im Kopf jedes einzelnen beginnt. Erst wenn die Barrieren im Kopf abgebaut sind, können die Barrieren in den verschiedensten Gesellschaftsbereichen abgebaut werden. Dabei sind die Forderungen immer die gleichen:

  • Mitdenken
  • Mitreden
  • Mitplanen
  • Mitentscheiden
  • Mitgestalten
  • Mitverantworten

Es geht um die Gestaltung von Beteiligungsprozessen wie es Pluto formulierte, um Teilhabe, Selbstbestimmung und Inklusion. Leider ist bisher mehr über die Betroffenen gesprochen worden als mit Ihnen, und mitgedacht auch eher selten. Dabei hätten beispielsweise Produkte, die im Sinne des „Universal Design“ für mehrere Zielgruppen mitgedacht und mitgeplant würden, ein enormes Potential. Erst jetzt beginnt langsam die Einbeziehung der Betroffenen in Planungs-, Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse. Gute Beispiele dafür sind der Landesaktionsplan (LAP) der Landesregierung oder der Aktionsplan der Christian Albrechts Universität (CAU) Kiel. Die SPD hat als Arbeiter*innenpartei eine lange Tradition, was Beteiligungsprozesse betrifft. Es gibt viele Möglichkeiten, sich als Behinderte*r in der SPD einzubringen, sei es im Rahmen von AGs oder einem „Inklusiven Ortsverein“ wie es ihn in Kiel gibt. Partizipation an Gestaltungs und Entscheidungsprozessen ist wichtig, weil die Betroffenen als „Expert*innen in eigener Sache“ am besten wissen, was für sie am besten ist. Zielkonflikte sind dabei nicht ausgeschlossen, die Gruppe der Behinderten ist keine homogene Masse und die Probleme, die es zu lösen gilt, sind vielfältig! Daher hat auch nach 23. Jahren so ein Aktionstag wie der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung seine Berechtigung. Oft genug wird man immer noch behindert, erfährt alltäglich Diskriminierung. Wir würden uns freuen, wenn ihr mit einem wachen Blick durch die Straßen gingen, mit einem hilfsbereiten, achtsamen Blick für die behinderten Menschen, die eure Hilfe brauchen. Wir würden uns freuen, wenn ihr euch bewusstmachtet, was im Alltag nicht barrierefrei, nicht inklusiv ist. Vielen Dank!

Madeleine & Niels von der Juso-Hochschulgruppe Kiel

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