Weltgesundheitstag 2018

Weltgesundheitstag 2018

„Universal Health Coverage“

– Drei Herausforderungen des deutschen Gesundheitssystems –

Der diesjährige Weltgesundheitstag steht unter dem Motto „Universal Health Coverage“. An dem heutigen Tag soll weltweit darauf aufmerksam gemacht werden, dass noch immer viele Menschen keine adäquate Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen können. Laut dem WHO „Tracking Universal Health Coverage: 2017 Global Monitoring Report“  hat über die Hälfte der Weltbevölkerung keinen umfassenden Zugang zu essentiellen Gesundheitsdienstleistungen. Ungefähr 100 Millionen Menschen werden aufgrund von medizinischen Ausgaben in extreme Armut gedrängt.

In Deutschland hingegen haben wir ein funktionierendes Gesundheitswesen, so dass fast alle Menschen in Deutschland sich auf eine adäquate Gesundheitsversorgung verlassen können. Dennoch gibt es einige Baustellen, an denen auch noch in unserem System gearbeitet werden muss, damit wirklich jeder Mensch in Deutschland die bestmögliche Behandlung erhalten kann. Hinzu kommt, dass der demographische Wandel das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen stellt. Wir möchten den heutigen Tag dafür nutzen, um auf drei ausgewählte Probleme im deutschen Gesundheitssystem aufmerksam zu machen.

Menschen ohne Krankenversicherung

Die meisten werden „Ärzte ohne Grenzen“ wohl mit ihrem Einsatz in Krisenregionen der Welt in Verbindung bringen. Die wenigsten wissen, dass es auch in Deutschland „Praxen ohne Grenzen“ gibt. In Deutschland gibt es eine gesetzliche Pflicht zur Krankenversicherung. Dennoch lassen sich einige Menschen nicht versichern. Dazu gehören vor allem Migrant*innen, Obdachlose und Selbstständige, die sich die Privatversicherung nicht leisten können bzw. wollen.

Unversicherte Menschen werden in Krankenhäusern nur behandelt, wenn es sich um einen Notfall handelt. Lässt man sich in einer Praxis ohne Krankenversicherung behandeln, wird demjenigen eine Rechnung ausgestellt. Arztbesuche und verschreibungspflichtige Medikamente sind aber meistens teuer. Deshalb gibt es in Deutschland Praxen, die auf Spendenbasis die Behandlung kostenlos übernehmen. Allerdings gibt es dabei ein großes Problem: Die meisten dieser Menschen gehen erst zum Arzt, wenn die Folgen schon gravierend sind. So können sich aus ursprünglich behandelbaren Krankheiten ernsthafte Erkrankungen mit bleibenden Schäden entwickeln.

Eine Lösung für dieses Problem im aktuellen System wurde jedoch noch nicht gefunden. Die „Malteser Migranten Medizin“, die ähnlich wie die „Praxen ohne Grenzen“ arbeitet, fordert, dass der Staat die Kosten für die Unversicherten übernimmt. Dann wird der Anreiz für Selbstständige, sich zu versichern, jedoch nochmals geringer. Mit der Einführung einer Bürgerversicherung und somit auch der Abschaffung des Zwei-Klassen-Systems, müssten auch Selbstständige in die Versicherung einzahlen, so dass diese nicht mehr in derartige Notsituationen geraten.

Ländliche Regionen

Es gibt bestimmte Regionen in Deutschland, in denen es keine flächendeckende Gesundheitsversorgung gibt. Auch in Schleswig-Holstein macht sich der „Ärztemangel“ auf dem Land bemerkbar. Die Wartezeiten in den allgemeinmedizinischen Praxen in ländlichen Regionen sind lang und die Anfahrtswege sind es häufig ebenfalls. Hausbesuche werden bei weitem nicht von jedem Hausarzt angeboten. Hinzu kommt, dass auch entsprechend Krankenwagen und Notarzt längere Anfahrtswege haben, dies kostet im Notfall wetvolle Zeit.

Viele ländliche Praxen werden durch ältere Ärzt*innen geführt. Häufig finden sie jedoch keinen Nachfolger und praktizieren deswegen noch weiter. 35 Prozent der Ärzt*innen in Schleswig-Holstein sind über 60 Jahre alt. Ein umfassender Zugang zur medizinischen Versorgung ist damit nicht überall in Deutschland sichergestellt.

Der Arztberuf auf dem Land muss attraktiver gestaltet werden, so dass der Medizinernachwuchs sich in unterrepräsentierten Regionen ansiedelt. Dazu existieren unterschiedliche Pilotprojekte, die für Nachwuchs sorgen sollen. In Travemünde setzt eine Praxis beispielsweise auf ein Tandemprojekt. Sowohl Medizinische Fachangestellte als auch Ärzt*innen in Weiterbildung in der Allgemeinmedizin werden dort ausgebildet und vor allem auf die Besonderheiten in ländlichen Regionen hingewiesen. Daraufhin besteht die Möglichkeit, als Tandem von MFA und Ärzt*in eine eigene Praxis zu eröffnen oder zu übernehmen. Außerdem arbeitet man in dieser Praxis in einem Team, so dass die Arbeitszeiten relativ flexibel ausfallen und bei Krankheitstagen auch jemand einspringen kann. Diese Möglichkeiten, die einen großen Teil zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf leisten, bieten die wenigsten Kliniken, so dass somit jungen Ärzt*innen eine neue Perspektive auf dem Land geboten wird.

 

Es gibt also durchaus Möglichkeiten, dem „Ärztemangel“ auf dem Land entgegenzuwirken und somit die medizinische Versorgung sicherzustellen. Damit ist jedoch nur ein erster Schritt vollzogen.

Wartezeiten

Jeder, der schon einmal versucht hat, einen zeitnahen Termin bei einem Facharzt zu bekommen, weiß, dass dies dauern kann. Diese Unannehmlichkeit kann in Notsituationen jedoch weitreichende Konsequenzen haben. Gerade in der Psychotherapie sind die Wartezeiten extrem lang. Zwar muss im Notfall innerhalb von vier Wochen eine Sprechstunde durch die Kassenärztliche Vereinigung vermittelt werden, jedoch ist dann der Zeitraum zu den Folgetherapiesitzungen wiederum zu lang. Der Grund für diese lange Wartezeit: ein Mangel an Therapeut*innen.

Die Ausbildung zum Psychotherapeuten ist lang: Man benötigt den Bachelor sowie Master in Psychologie und muss daraufhin die in Vollzeit dreijährige oder in Teilzeit fünfjährige Ausbildung absolvieren. Diese muss zum großen Teil selbst gezahlt werden. Dies stellt viele Psycholog*innen vor die Hürde, eine Ausbildung zu beginnen. Eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, stellt eine Übernahme der Ausbildungsgebühr durch den Staat dar.

Außerdem können ärztlich ausgebildete Psychiater Therapien durchführen. Auch hier herrscht ein Mangel. Die Arbeit mit psychisch kranken Menschen scheint für die meisten Jungmediziner unattraktiv zu sein. Hier muss man für mehr Aufklärung sorgen, sowohl in unserer Gesellschaft als auch im Medizinstudium. Aktuelle Zahlen zeigen, dass nahezu jede vierte männliche und jede dritte weibliche erwachsene Person zumindest zeitweilig von psychischen Störungen betroffen ist. Es handelt sich bei psychischen Erkrankungen also keineswegs um eine Randerscheinung, sondern betrifft einen großen Teil der Bevölkerung. Die Vorurteile gegenüber den Betroffenen müssen abgebaut werden.

Fazit

Wer in Deutschland lebt und dementsprechend krankenversichert ist, hat Zugriff auf ein sehr gutes Gesundheitswesen, wenn er oder sie krank ist. Dennoch gibt es an einigen Stellen noch Verbesserungsbedarf. Das Ziel bleibt weiterhin, eine Bürgerversicherung einzuführen, so dass die Zwei-Klassen-Medizin abgeschafft wird. Für Menschen, die in ländlichen Regionen leben, muss Gewissheit geschafft werden, dass sie auch in den nächsten Jahren hausärztlich versorgt werden können. Generell muss für den Nachwuchs in medizinischen, therapeutischen und pflegerischen Berufen gesorgt werden.

 

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