Warum Ideologie was Feines ist

„Ihr haltet an eurer Ideologie fest!“, „Die SPD will die Gymnasien schließen“, „Einheitsschule statt Wahlfreiheit“. Ich kann langsam nicht mehr zählen, wie oft ich in den letzten Tagen einen der drei Vorwürfe in dieser oder leicht veränderter Form von der lieben Konkurrenz gehört habe.
Wenn ich gebeten habe, das etwas näher auszuführen gab es dann standardmäßig eine Antwort: „Steht doch in eurem Wahlprogramm!“

Tja. Dann sind wir Sozis wohl Bildungsvernichter. Oder doch nicht? Fakt – und auch von den Konservativen nicht bestritten – ist folgendes: Schleswig-Holstein bekommt in den verschiedenen „Bildungsrankings“ miserable Ergebnisse. Ich will jetzt keinen Hehl daraus machen, dass ich es ziemlich bescheuert finde, die „Leistung“ von Bildung/ Schüler_innen zu messen, aber von mir aus nehmen wir die Pisa, Bertelsmann, undwasweißichwas für Studien einfach einmal hin und arbeiten mit den Ergebnissen.

Aus den aktuellen Studien ergibt sich dann folgendes Bild: Schleswig-Holstein ist nicht nur in Bezug auf die Bildungsleistung verdammt weit hinten, sondern vor allem – und das stört mich noch viel mehr, da es wesentlich aussagekräftiger als „Leistung“ ist – in Bezug auf die Chancengleichheit.

Schlechte Chancengleichheit? In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass bei uns im Land Kinder der gehobenen Mittelschicht eine sechs mal höhere Chance aufs Abi haben, als Kinder aus „niedrigeren“ Schichten. Sechsmal. Ich finde diese Zahl krass.

Gehen wir jetzt mal vom neoliberalen Bildungsbild aus. Bildung muss für die Wirtschaft nutzbar sein. Dann machen wir ganz schönen Mist, indem wir jede Menge Schüler_innen frühzeitig aussortieren, auf eine andere Schulart als das Gymnasium „abschieben“ und damit den Weg zum Abitur mit großen Hürden versehen. Oder glaubt irgendjemand im Ernst, dass all die Kinder, die nicht das Glück haben aus der „oberen Mittelschicht“ zu kommen wirklich nicht das Zeug zum Abitur haben? Glaubt wirklich irgendjemand, dass Grundschullehrer_innen bei 10-jährigen Kindern beurteilen können, wie deren weiterer Lebensweg aussehen soll?

Die CDU fordert jetzt für Schleswig-Holstein einen Schulfrieden. Soll heißen, am jetzigen Schulsystem wird nichts verändert. Lehrer_innenstellen sollen angesichts sinkender Schüler_innenzahlen gestrichen werden und die Unterrichtsqualität soll verbessert (!) werden. Schön.
Aber das löst leider keine Probleme. Mag sein, dass wir mit dieser Haltung ein paar Pisa-Punkte mehr bekommen mögen, an der mangelnden Chancengleichheit ändert es sicherlich nichts.
Wir Sozialdemokrat_innen glauben an Aufstieg durch Bildung, nicht erst seit der letzten Wahl, sondern seit unserer Gründung, das ist unsere „Ideologie“.  Und wenn es eine Schulform gibt, die dafür sorgt, dass ein großer Teil unserer Gesellschaft Bildungschancen nicht voll nutzen kann, dann sehen wir Reformbedarf. Anders formuliert: Ja, liebe CDU, langfristig wollen wir eine Schule für alle. Von mir aus können wir diese Schulform dann gerne weiterhin Gymnasium nennen.

Was man uns als mangelnde Wahlfreiheit vorwirft, ist dann im Übrigen das genaue Gegenteil. Denn Freiheit gibt es doch nur dann, wenn alle dieselben Chancen zur Wahl haben. Wenn nicht mehr die soziale Zukunft über den weiteren Bildungsweg bestimmt, sondern von mir aus das, was sie so gerne „Leistung“ nennen.
Und last but not least wollen wir selbstverständlich keine einzige Schule schließen, ob da jetzt Gymnasium drauf steht oder nicht, sondern nur die Schulform verändern. Wir wollen einen Teil der Lehrer_innenstellen, die durch die sinkenden Schüler_innenzahlen „übrig“ bleiben erhalten, also mehr Lehrer_innen pro Schüler_in im System belassen und wir wollen die Kosten der Schulbusbeförderung gerechter verteilen.

Das alles ist sozialdemokratische Bildungsideologie. Und das ist gut so.

Seit wann sind wir selbst in der Bildungspolitik bereit, Kompromisse einzugehen? Seit wann sind wir selbst in ursozialdemokratischen Themen bereit, klein bei zu geben und einen Mittelweg zu suchen?
Wir Sozialdemokrat_innen hatten schon immer eine klare Meinung zu Bildung: Wir wollen gerechte Bildung für jede und jeden. Dazu gehört aber auch, dass wir allen Schüler_innen die Möglichkeit zur freien Entfaltung geben, dass die Individualität aller gefördert wird und dass über den Schwerpunkt der eigenen Bildung selbst entschieden werden kann. Immer und überall haben wir genau diese Forderung vorgetragen.
Wie kann dann durch das Regierungsprogramm das Konzept der Profiloberstufe nur verändert und nicht abgeschafft werden? Im aktuellen Entwurf des Programms finden wir:
„Wir werden in der Profiloberstufe mehr Wahlmöglichkeiten einführen und die Möglichkeiten der Schwerpunktbildung für die Schülerinnen und Schüler verbessern.“
Dass die Profiloberstufe an sich ein reines Sparmodell ist, durften bisher genügend Schüler_innen am eigenen Leib erfahren. Die Profiloberstufe hat jegliche Wahlmöglichkeit – bis auf die Wahl des Profils – genommen, es müssen Fächer bis zum Abitur „abgesessen“ werden, die man sonst niemals belegt hätte. Zwar werden viele Themen nur halbwegs angeschnitten und nicht wirklich behandelt, aber trotzdem muss selbst das, was einem_einer nicht liegt, gelernt werden, weil es in das Abiturzeugnis eingeht. Kaum ein Fach kann abgewählt werden und den Fächern, wegen der man das Profil gewählt hat, wird nicht genügend Zeit gegeben. Die Profiloberstufe überzeugt weder durch die individuelle Wahl der Fächer noch durch die Möglichkeit, zu entscheiden, welche Noten im Abiturzeugnis stehen sollen. Schließlich steht man am Ende der Schulzeit da und hat keine Lust mehr, die Schwerpunkte zu vertiefen. Die Lust am Lernen ist dank Bulimielernen vergangen, auf das gewonnene „Allgemeinwissen“ kann man auch nicht bauen. Ein solches Schulsystem geht nicht auf die Lernenden ein und vermittelt ihnen nicht das, was unter gerechter Bildung zu verstehen ist.
Die Forderung nach mehr Wahlmöglichkeiten ist sehr schwammig. Wieso muss man sich ein Schulsystem, das auf ganzer Linie versagt hat, solange zurecht biegen, bis man gerade so damit leben kann? Seien wir doch endlich konsequent und beschließen folgenden Änderungsantrag:
„Wir wollen zum Kurssystem in der Oberstufe zurückkehren.“
Denn wenn wir jetzt nicht konsequent sind und wieder zu einem gerechten und individuell zu gestaltenden Schulsystem zurückkehren, dann müssen die Schülerinnen und Schüler schon bald die Konsequenzen dieser Entscheidung tragen.
Also: Weg mit der Profiloberstufe und zurück zum Kurssystem!

Wollen wir eigentlich kostenfreie Bildung? Natürlich kann es für Sozialdemokrat_innen nur eine Antwort geben. Klar wollen wir das! Wir glauben an Aufstieg und gesellschaftliche Teilhabe durch Bildung, egal für wen, egal wo in unserem „Lieblingsland“.
Aber: Wenn Bildung wirklich im ganzen Land kostenlos sein soll, dann muss auch der Weg zur Bildung frei sein. Anders formuliert, Schulbusbeförderungskosten sind für die Tonne!

Was steht dazu in unserem aktuellen Wahlprogramm-Entwurf?
„Der (Fahrt-)Weg zur Schule gehört für uns zu kostenfreier Bildung dazu. Wir werden die Verpflichtung der Kreise zur Erhebung eines Elternbeitrages zu den Schülerbeförderungskosten wieder abschaffen.“
In den vergangenen Monaten konnten wir beobachten, zu was die schwammigen Regelungen der schwarz-gelben Regierung geführt haben. Nicht zuletzt aufgrund mutiger Beschlüsse von Sozialdemokrat_innen klagten zuletzt sogar Kreistage gegen das Land.

Die Jusos fordern hier klare Verhältnisse. Es muss deutlich werden, wer für die Schulbuskosten einzustehen hat. Vor allem muss aber klar sein: Eltern und Schüler_innen tragen die Kosten nicht!
Deswegen haben wir Jusos uns bei unserer Landeskonferenz am 14./15. Januar für folgenden Änderungsantrag zum Regierungsprogramm entschieden:

„Die Schülerbeförderungskosten sollen für alle Schülerinnen und Schüler vom Land übernommen werden.“

Lasst uns auf unserem Landesparteitag in Lübeck ein Zeichen setzten, dass kostenfreie Bildung nicht vom Wohnort abhängt. Sie beginnt an der Haus- und nicht der Schultür!

Lernen, lernen. Brech, brech.

Momentan finden die Vorabiklausuren statt. Was einem dabei auffällt: Die Schüler scheinen den ganzen Tag zu lernen und vor allem alles. Mindestens vier Fächer und dann auch noch anscheinend alles, was irgendwie drangekommen ist oder vielleicht auch nur drankommen sollte.

Die Frage ist was das bringen soll. Wer von uns behält, was er für das Abi gelernt hat? Gerade wenn in 2 Wochen 4 Klausuren mit zusammen vielleicht 20 Themen drankommen könnten? Die Schüler lernen etwas und vergessen es wieder. Wie man das nennt? Bullimielernen.

In der Schule geht es immer nur um wissen, wissen, wissen und wer nicht weiß der verliert. Die Schule kümmert sich nicht ums Können, also wie man lernt. Aber ohne Können lernt man nicht gut.

Das ist ein Headstart für die, die ein intuitives Verständnis zur Verarbeitung von Informationen haben und für jene, die das nötige Kleingeld haben um dieses Defizit auszugleichen. Alle anderen entwickeln immer größere Aversionen gegen Wissen. Wissen ist Stress und Stress ist unangenehm. Das Ziel ist dann einfach: Raus aus der Schule und raus mit dem Gelernten.

Schule kann nicht das ganze Wissen vermitteln. Wissen wächst. Wir werden immer lernen müssen. Aber mit genug Können kann lernen Spaß machen und Spaß ist notwendig für ein lebenslanges Lernen.