Kurze Frage –  Schnelle Antwort – Pussy Riot

 

1) Kanntest Du Pussy Riot schon vorher?

 

Felix: Ich wusste natürlich von Protestaktionen gegen die politische Lage, aber Pussy Riot wurde mir erst durch den medialen Rummel bekannt.

 

Gamze: Ich hatte im Vorfelde der russischen Präsidentschaftswahlen von Pussy Riot ein wenig Kenntnis erlangt, aber erst richtig aufmerksam bin ich durch die mediale Berichterstattung aufgrund ihrer Protestaktion in der Kirche geworden.

 

Merle: Ich kannte den Namen der Band im Kontext der weltweiten „Riot Grrrl“-Bewegung, die Musik habe ich aber noch nicht gehört. Wirklich damit beschäftigt habe ich mich aber erst, als die Medien anfingen davon zu berichten.

 

Melanie: Die Medien griffen ja schon sehr früh erstmals vereinzelt die Aktionen von Pussy Riot auf und setzten diese in konkreten Bezug zu politischer Systemkritik in Russland, schon vor ihrer Inhaftierung zu Beginn diesen Jahres. Die ersten Berichte über ihre musikalische Protestform, ihre spontanen öffentlichen Auftritte, sind mir im Vorfeld der russischen Präsidentschaftswahlen im Herbst 2011 aufgefallen. Vor dem Auftritt in der

Christ-Erlöser-Kathedrale traten sie bereits an vielen provokanten Orten spontan auf, sei dies auf Busdächern, auf dem Roten Platz oder in Metrostationen.

 

Alexander: Nein.

 

2) Wenn Du der/ die Richterin wärest, wie würde Dein Urteil ausfallen?

 

Felix: Ich habe dem Internet entnommen, dass so ein Verhalten in Deutschland ebenfalls unter Strafe steht, aber wenn ich Richter dieses Prozesses wäre, würden sie mit 1-2 Sozialstunden davon kommen.

 

Gamze:. Ich kenne das russische (vermeintliche) Rechtssystem zu wenig, um eine konkrete Aussage zu treffen. In Deutschland gibt es  Straftatbestände, die die Beleidigung von Religionsgesellschaften und  die Störung der Religionsausübung mit einer Strafe bis zu drei Jahre Haft ahnden. Aus der hiesigen rein juristischen Betrachtung haben Pussy Riot diese Tatbestände erfüllt, aber ich würde in meinem Urteilsspruch keinesweg derart drastisch vorgehen.

 

Merle: Für mich ist das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf Protest eines der höchsten. Mit dem russischen Recht kenne ich mich allerdings nicht aus und kann deshalb nur persönlich urteilen. Ich halte jede Freiheitsstrafe (schlimmer noch: Arbeitslager!) für nicht gerechtfertigt.

 

Melanie: Wenn man ihren Auftritt in der Kirche in Bezug zu ihren vorangeganenen Aktionen setzt, ist es schwer ernsthaft den Richterspruch „Rowdytums aus religiösem Hass“ nachzuvollziehen. Wie ein roter Faden durchziehen die Kritik an Putin und die Kritik an dem in Russland gelebten Demokratieverständnis die Aktionen, Blogeinträge und Auftritte von Pussy Riot. Losgelöst, als eine einzelne Aktion, erfüllt der Auftritt in der Kirche sicherlich den Tatbestand, doch ob der Urteilsspruch unter Einbeziehung aller Aspekte so drastisch ausfallen muss, ist fraglich.

 

Alexander: Für mich ist es wirklich schwer verständlich, wie ein vermeintlich demokratisches Land ein derartiges Rechtssystem erzeugt, in dem solche Strafen (Was bitte ist Rowdytum aus religösem Hass und ist das wirklich das Vergehen von Pussy Riot?) überhaupt möglich sind, zumal es ja – soweit ich weiß – von der Kirchengemeinde selbst als „Geschädigte“ gar keine Anzeige gab, sondern der Band sogar im Nachhinein vergeben wurde.

 

3) Wie findest Du die Protestform?

 

Felix: Viele Formen von Protest halte ich für legitim, so auch diese! Natürlich wurden Empfindlichkeiten verletzt, aber dafür eine Freiheitsstrafe auszurufen gefällt mir nicht. Ich würde meine festgelegten Sozialstunden an dieser Stelle in Arbeit im kirchlichen Garten ummünzen.

 

Merle: Ich will mal Brecht zitieren: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Ich halte Protest gegen Unterdrückende für absolut legitim. Pussy Riot provozieren stark, was jedoch nötig ist, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Kunst ist kein Verbrechen.

 

Gamze: Eine demokratische Protestkultur ist in Russland legitim wie auch anderswo, denn sie ist der Ausdruck einer aktiven, reflektierenden Zivilgesellschaft. Putins Unterdrückungspolitik ist keineswegs hinnehmbar und definitiv nicht mit einem freiheitlichen, demokratischen Verständnis vereinbar. Die Aktion von Pussy Riot hat internationale Aufmerksamkeit erregt und zumindest eine Reflektion über Putins Gesinnungsjustiz ausgelöst.

 

Melanie: Durch Lieder, Texte und Musik wurden schon seit jeher Werte, Meinungen und Inhalte weltweit und auf eingängliche Art vermittelt. Ein Gemeinschaftsgefühl, sich gegen unterdrückende Institutionen, politische oder religiöse Meinungen auflehnen und zur Wehr setzen, dies in die Öffentlichkeit tragen durch Flyer, Gedichte, Lyrik, Liedtexte und spontane Auftritte ist eigentlich keine neue Erfindung. Denken wir nur einmal an den Vormärz, die Arbeiterlieder, oder Gospels zurück. Pussy Riot zeigt, dass diese Protestform auch Heute noch nah an den Menschen ist, sie mitreist und sehr medienwirksam ist. Da sie eine Reihe von Aktionen veranstalteten, stets mehr Menschen erreichten und so ihren Protest formulierten, finde ich ihre Auftritte und somit auch ihre Protestform insgesamt betrachtet als sehr effektiv und sinnvoll.

 

Alexander: Ich denke, dass Pussy Riot im Speziellen eine herausragende Protestform darstellt, da sie nicht nur die allgemeine Forderung der Meinungsfreiheit aufwerfen, sondern auf Grund ihres feministischen Profils einen weiteren Themenbereich für ihren Protest einnehmen. Eine Protestform, die zugleich für die bislang unterdrückte Meinungsfreiheit UND für feministische Forderungen eintritt, ist in der Tat für mich sehr attraktiv.

 

4) Sind sie ein Vorbild oder eher kontraproduktiv?

 

Felix: Sie erfüllen für mich schon deshalb einen Vorbildcharakter, weil sie sich friedlich gegen Ungerechtigkeiten einsetzen. Sich gegen politische Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeit und für Freiheit einzusetzen und dies auf friedlichem Wege zu tun, kann nur vorbildlich sein.

 

Merle: Pussy Riot sind meiner Meinung nach Vorbilder und jeder Tag, den sie hinter Gittern verbringen, ist einer zu viel.

 

Gamze: Sie sind für mich aktive Bürgerinnen, die sich gegen die Diktatur Putins aufgelehnt haben und nun die hässliche, menschenrechtswidrige Fratze des Systems zu spüren bekommen. Für mich haben Pussy Riot Mut und Stärke bewiesen.

 

Melanie: Ihre bewusste Entscheidung für diese Protestform, für ihre Wahl der Auftrittsorte und ihr Wissen über die Konsequenzen ihrer Taten, zeigt wie wichtig ihnen ihr Einsatz für soziale Gerechtigkeit, Freiheit und ein demokratisches Politisches System ist. Sie zeigen deutlich, dass in Russland der Wille zur Auflehnung da ist. Ich bin gespannt, ob sie der Stein sind, der die Lawine ins Rollen bringt.

 

Alexander: Vorbilder sind sie theoretisch auf jeden Fall. Praktisch wird sich das in den nächsten Tagen und Wochen zeigen, in denen eben nach diesem Vorbild bereits jetzt viele hundert Menschen den aktiven Protest von Pussy Riot weiterführen.

 

5) Wie schätzt Du die Außenwirkung dieses Urteils ein und hat dort ein „astreiner Demokrat“ gehandelt?

 

Felix: Demokratisch ist in Russland eh nicht viel und mit diesem Urteil, beziehungsweise schon mit dem Prozess hat sich die Außenwirkung von Russland nicht verbessert. Vielmehr hat sich wieder mal das bestätigt, was viele schon wussten.

 

Merle: Einen Staat kann mensch gut am Rechtssystem beurteilen. Durch diesen ungerechten Prozess zeigt Putin erneut, wie die Umstände in Russland sind. Doch das zeigen nicht nur der Prozess und die Strafe: Allein, dass dieser Protest notwendig war, zeigt, dass die Lage noch schlimmer ist, als ich mir hätte vorstellen können.

Ich hätte mir allerdings deutlichere Worte von anderen Politiker_innen gewünscht, die vielleicht das Urteil noch hätten beeinflussen können.

 

Gamze: In Russland von einer Demokratie sprechen zu wollen grenzt an eine Farce. Spätestens dieses Urteil hat ein eindeutiges Exempel dafür statuiert, dass das korrupte System in Russland das alleinige Ziel verfolgt, die Macht eines Mannes aufrechtzuerhalten und mit aller Härte gegen Systemkritiker_innen zu verteidigen. Oder warum hat sich Präsident Putin in einem Prozess gegen drei junge Frauen zu Wort gemeldet und Einfluss ausgeübt, der für ihn in seinem politischen Wirken eigentlich bedeutungslos sein sollte? Auch ich hätte mir deutliche Worte von westlichen Politiker_innen gewünscht. Ich wünsche allen Demokrat_innen in Russland viel Kraft, ihren Widerstand gegen Putin nicht aufzugeben und für ihre Ideale auf friedlichem Wege zu kämpfen. Eines Tages werden hoffentlich die Fesseln des Putin-Systems sich lösen und Demokratie sowie Freiheit aller Menschen werden sich entfalten können.

 

Melanie: Verfassungswirklichkeit und Verfassungsrealität divergieren in Russland sehr stark auseinander. Auch wenn Russland auf dem Papier sehr deutliche demokratische Züge vorweisen kann, sieht die Realität doch anders aus. Dies zeigt uns dieses Urteil deutlich.

 

Alexander: Russland bzw. Putin persönlich haben in den letzten zurecht viel Kritik aus aller Welt, auch von staatlichen AKteuren, einstecken müssen. Der billige Versuch Putins, immer wieder einen Vergleich mit dem deutschen Rechtssystem zu ziehen, zeigt doch nur, dass er sein autokratisches Handeln in irgendeiner Form demokratisch legitimieren will. Was er dabei außer Acht lässt, ist erstens, dass für ein ähnliches Vergehen in Deutschland um eine maximale Strafe von drei Jahren geht, während in Russland zunächst über sieben und mehr Jahre diskutiert wurde (die im Übrigen ja wegen des wohlgesonnenen Putins nicht ausgesprochen wurde -_-) und zweitens, dass das Strafmaß auch in Deutschland der Auslegung bedarf und daher auch eine Strafe á la Felix (siehe oben) möglich wäre.

geschrieben von Delara Burkhardt im Namen der Delegation aus Schleswig-Holstein.

Bereits zum 10. Mal trafen sich vom 13. bis zum 19. Juli über 1000 Jungsozialistinnen und Jungsozialisten zum ECOSY Summercamp, um sich zu vernetzen, zu diskutieren und ihre Ideen für ein offenes, soziales und demokratisches Europa auszutauschen.

Die ECOSY (European Community Organisation of Socialist Youth), der Dachverband aller sozialistischer und sozialdemokratischer Jugendorganisationen, der in Deutschland nicht nur die Jusos, sondern auch die Falken angehören, lud dafür dieses Jahr nach Savudrija in Kroatien! Auch aus Schleswig Holstein waren wir mit fünf Genossinnen und Genossen dabei!

Inhaltlich stand das Sommercamp unter dem Schatten der Krise, die schon lange nicht mehr nur eine Finanzkrise ist, sondern eine schwerwiegende, soziale Dimension mit sich bringt.

23,5 Prozent aller Jugendlichen in der EU sind arbeitslos, sehen keine perspektivische Besserung ihrer Lebenssituation. Besonders in Spanien spitzt sich die Situation zu. Im bilateralen Treffen mit der spanischen und katalanischen Delegation erzählten unsere spanischen Genossinnen und Genossen, dass fast jeder zweite Jugendliche in Spanien keine Jobperspektive hat. Klar ist: Die konservative, unverantwortliche Sparpolitik von Merkel und Co verschärft die Probleme unserer Generation. Es liegt an uns am Projekt eines solidarischen, starken Europas zu arbeiten! Unsere Ideen für eine neue, europäische Politik wurden in der Camp Declaration (https://www.facebook.com/ecosysummercamp2012/posts/251898871594807) – einem Papier, was parallel zu den Workshops von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutiert wurde – festgehalten.

Insgesamt war die Themenpalette in den täglich fünfzehn Workshops, den zahlreichen Podiumsdiskussionen und in den sehr intensiven,bilateralen Treffen zwischen der 130-köpfigen Juso-Delegation aus Deutschland und anderen Landesdelegationen, abseits der Krisendebatte, sehr vielfältig: Antifaschismus, Wirtschafts- und Finanzpolitik, Energie- und Umweltpolitik und feministischen/ queere  Themen, oftmals, dem Veranstaltungsort nach nahe liegend, auf das Balkangebiet abgestimmt.

Für mich – und ich bin mir sicher, dass mir die gesamte SH-Delegation, wenn nicht sogar alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Camps zustimmen werden, war das ECOSY Sommercamp, die Diskussion mit Jungsozialistinnen und Jungsozialiten aus aller Welt, eine spannende Erfahrung, die ich nur weiterempfehlen kann. Und Gelegenheit dazu wird es auch 2013 geben! Beim Worker’s Youth Festival in Dortmund ( Mai 2013) und dem ECOSY Sommercamp 2013 in Finnland (Juli 2013).

Heute gehören wir alle zur AUF.

Logo der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUFDer 22. Juli 2011 wird als ein tiefschwarzer Freitag in die Geschichtsbücher eingehen.  Er wird immer in Verbindung mit Trauer, Wut und Unverständnis stehen. Er wird eine grausame Erinnerung in den Gedanken der Welt bleiben, aber vor allem wird dieser Tag jedes Jahr wieder ein Kraftakt für die Überlebenden, die Angehörigen und für die Freundinnen und Freunde werden. An sie wollen wir heute denken, denn ihnen gilt unsere Anteilnahme und unsere Solidarität.  Der  Tod geliebter Mitmenschen bedeutet immer unermesslichen Schmerz und die Art und Weise wie 77 Menschen an diesem Freitag aus dem Leben gerissen wurden, lässt uns nicht zur Ruhe kommen.

Am Vormittag versendet der Attentäter sein “Manifest 2083: Eine Europäische Unabhängigkeitserklärung.”. Kurz darauf fährt er nach Oslo und zündet im Regierungsviertel eine gewaltige Explosion, der acht Menschen zum Opfer fallen. Der Katastrophen-Alarm wird ausgelöst, sämtliche Polizei- und Rettungskräfte kommen zum Ort des Geschehens. Ohne jegliche Emotion fährt er weiter nach Utoya. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich etwa 600 Jungsozialistinnen und Jungsozialisten auf der Insel Utoya. Sie empfangen Bilder des Anschlags und versammeln sich, um darüber zu sprechen. Der Attentäter erscheint als Polizist verkleidet mit zwei Waffen und behauptet, er sei zum Schutz der Insel gekommen. Als er beginnt um sich zu schießen, bricht Chaos aus. Mehrere Jugendliche wählen die Notrufnummer, werden aber abgewiesen. Sie fliehen ins Wasser, verstecken sich verzweifelt. Der vermeintliche Polizist schießt aus kurzer Entfernung auf jede und jeden. Urlauberinnen und Urlauber von einer benachbarten Insel ziehen in kleinen Booten Überlebende aus dem Wasser. Um 18:27 Uhr wird der Attentäter von der Polizei gestellt. Er hat zu diesem Zeitpunkt 68 Jugendliche hingerichtet, eine weitere Person wird kurz darauf im Krankenhaus ihren Verletzungen erliegen.

Es wurden an diesem Tag 69 junge Menschen ermordet, die eine andere – eine bessere – Gesellschaft anstrebten. Sie kämpften für eine Gesellschaft, die nicht ausgrenzt und die nicht konkurriert. Sie träumten von einer Gesellschaft ohne Hass, sie träumten von einem Gesellschaftssystem, das sich die Situation der Schwächsten zum Ausgangsgedanken macht.

Die höchste zu erreichende Norm war für sie die Solidarität zwischen allen Menschen  – lasst uns diese Botschaft aufgreifen und bis zum Schluss verteidigen.

 

Selbst jetzt – ein Jahr nach den Anschlägen – ist die Tat für uns immer noch nicht fassbar. Dennoch haben uns vor allem die Courage und das starke Auftreten der norwegischen Demokratinnen und Demokraten Mut gemacht. Der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg sagte im letzten Jahr: “Die Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie und Menschlichkeit“ – und genau das müssen wir uns immer und immer wieder in Gedanken rufen. Gerade jetzt dürfen wir die rechten Tendenzen in Deutschland und Europa nicht aus dem Blick verlieren.

 

Letztes Jahr sind wir Jusos Schleswig-Holstein eine Woche nach den Attentaten auch in unser Sommercamp aufgebrochen. Wir befanden uns – wie auch die norwegischen Jusos – auf einer Insel. Immer wieder mussten wir uns die Frage stellen: Was, wenn es bei uns passiert wäre? Was, wenn jemand kommt und auf uns schießt? Es hätte auch uns treffen können. Es hat Menschen getroffen, die für dasselbe kämpfen wie wir. Die unsere Werte teilen. Denn es war nicht nur ein grausamer Mord – diese Tat war eine politische Tat.

Ich kann nicht beantworten, was ich spüre, wenn ich an den Attentäter denke. Wie kann ein Mensch jahrelang eine solche Tat planen? Wie kann ein Mensch an eine solche Ideologie glauben? Wie kann ein Mensch zu so etwas fähig sein?

Was fühlen wir, wenn wir sehen, wie er während des Prozesses lächelt? Können wir anders als ihn zu hassen? Ich möchte kein von Hass erfüllter Mensch sein. Denn genau  das vermittelt uns der Attentäter. Dieser Mensch war getrieben vom Hass gegen Andersdenkende – er war getrieben von dem Wahn, sie alle auslöschen zu müssen und sogar auslöschen zu dürfen. Er hatte eine Illusion. Dieser Illusion sollten früher oder später auch wir zum Opfer fallen.

Ich weiß nur eines ganz sicher: Nicht der Name des Attentäters soll in unsere Geschichtsbücher eingehen, sondern die Namen der jungen Menschen, die an diesem Tag aus dem Leben gerissen wurden.

 

Wie gern würde man die Zeit zurückdrehen. Die jungen Menschen warnen, ihnen sagen, dass der Polizist, der auf ihre Insel kommt, kein Polizist ist. Dass er nicht kommt, um ihnen zu helfen, sondern dass er kommt, weil er von Hass geleitet ist. Dass sie sich verstecken müssen. Was würde man dafür tun, den Familien ihre Kinder wieder zurückzubringen.

Aber es geht nicht. Wir können die Idee weitertragen, für die die Ermordeten Tag für Tag kämpften.

 

In Gedanken sind wir nun bei denjenigen, die einen wichtigen Menschen verloren haben. Bei denen, die zusehen mussten, wie Freundinnen und Freunde erschossen wurden. Ihnen gebührt unsere ganze Aufmerksamkeit. Wir können ihnen nur Kraft, Liebe und viel Zeit wünschen und dass sie in diesen schweren Zeiten nicht alleine sind.

Mit unseren Mahnwachen am heutigen Abend zeigen wir ihnen, dass unsere Solidarität keine Grenzen hat.
Lasst uns um 15:22 Uhr – zu der Zeit, zu der der Attentäter vor einem Jahr die Bombe zündete – eine Minute zur Ruhe kommen und schweigen.
Denn heute gehören wir alle zur AUF.

1914 wurde der Gedenktag von Papst Benedikt XV. im Zuge des 1.Weltkrieges erstmals begangen. Im Jahre 2000 legte die UN­-Generalversammlung den 20. Juni als Weltflüchtlingstag fest.
Heute ist der Tag, an dem wir, ganz besonders, mit unseren Gedanken bei den Flüchtlingen dieser Welt sind. Nehmt Euch heute die Zeit und denkt an die Menschen, die auf der Flucht sind. Denkt an die Menschen, die eine Flucht durchgemacht haben und an die, die auf der Flucht ihr Leben gelassen haben.
Die Fluchtgründe sind oftmals sehr verschieden. Menschen fliehen aus Armut, aus Hunger, aus Kriegsgründen, wegen politischer Verfolgung, weil sie andere religöse Ansichten haben oder weil ihre sexuelle Orientierung nicht in die Normen der Gesellschaft passt.

Stellt Euch heute auch die Frage, wie Ihr Eüch fühlen würdet, wenn ihr Eure „Heimat“ verlassen müsstet. Wie es ist, ein Getriebener zu sein? Wie ist es, ein Unerwünschter zu sein?
Stellt es Euch vor und geht morgen und immer mit offenen Armen auf alle Menschen zu, egal, wo sie herkommen! Wir sind alle Menschen und die Welt gehört uns allen. Denn kein Mensch ist illegal!

Heute in Solidarität mit allen Flüchtlingen dieser Welt!

Jusos Schleswig- Holstein

 

Alle Jahre wieder schwarz-rot-gold.

Ein Land im schwarz-rot-goldenen Fieber, Fähnchen, public viewing, Auto-Korsos – Europameisterschaft, hunderttausende Menschen im Fußballfieber. Und je mehr deutsche Flaggen gezeigt werden, desto stärker, aufgeheizter und kontroverser wird seit 2006 auch die Debatte zum Partypatriotismus. Ist es gut, wenn Deutschland „endlich“ Flagge zeigt? Ist Saisonpatriotismus gefährlich? Gibt es die „gesunde Portion Patriotismus“?

Ich will diese Debatte nun auch noch einmal aufgreifen und dafür ein bisschen weiter ausholen. Den Stolz auf eine Nation halte ich generell für Schwachsinn. Es ist an sich viel zu einfach, auf einen Zufall – nämlich in einem bestimmten Land geboren zu sein oder in einem bestimmten Land zu leben – stolz zu sein. Grenzen zwischen Staaten sind willkürlich und durch Kriege, Konflikte und Abkommen zustande gekommen. Man kann nicht auf etwas stolz sein, worauf man selbst keinen Einfluss hatte, wozu man nicht beigetragen hat. Im Gegensatz dazu sehe ich den Stolz auf eine aktive Entscheidung. Ich bin beispielsweise stolz darauf, Jungsozialistin zu sein, weil ich selbst die Entscheidung getroffen habe, aktiv zu werden. Auf meine Nationalität hatte ich keinen Einfluss – ich habe höchstens Glück gehabt. Die Ablehnung von Patriotismus als „antideutsch“ abzutun (wie es die Welt am 17.06. getan hat), halte ich für wenig durchdacht. Grundsätzlich gilt eine anti-patriotische Haltung für jede Nation. Mir fällt keine Nation ein, auf die man bedingungslos stolz sein könnte. Natürlich wird das Land, in dem man lebt, das man als “normal” empfindet, zum Maßstab für andere Nationen. Patriotismus ist also lediglich ein Zeichen von Gewohnheit.
Wer das eigene Land durch eine patriotische Haltung aufwertet, mit anderen vergleicht und diese letztendlich abwertet, weist meiner Meinung nach auch eine sehr nationale Haltung auf, die keineswegs zur europäischen Solidarität beiträgt. Ich möchte ein Europa als Ganzes und kein Europa der (egoistischen) Nationalstaaten. Es braucht keinen Patriotismus für ein funktionierendes, zusammenwachsendes Europa.

Und nun zurück zur Fußball-EM: Immer wieder wird argumentiert, dass es nur ein Sportereignis sei, in das man nicht die große Politik hineininterpretieren dürfe. Dabei darf allerdings nicht die politische Dimension und die darausfolgende Konsequenz vergessen werden. Ein so großes Ereignis, das von so vielen Menschen wahrgenommen und verfolgt wird und an dem fast ganz Europa Teilhabe trägt, hat viele verschiedene politische Einflüsse. Positiv fällt auf jeden Fall der Wille auf, ein Zeichen für Integration und gegen Rassismus zu setzen. Die Spieler haben eine Vorbildfunktion, die großen Einfluss auf eine neue Generation Eurpas hat und die das Zusammenwachsen Europas vorantreiben sollten. Durch den Veranstaltungsort und die qualifizierten Mannschaften werden auch Länder in den Fokus der europäischen Politiker_innen gerückt, die manchmal in Vergessenheit zu geraten scheinen.
Die politische Dimension wird auch deutlich, wenn man betrachtet, wie viele Politiker_innen zu einem solchen Ereignis anreisen bzw. wenn man im Umkehrschluss betrachtet, welch enorme Aussage der Boykott der Europameisterschaft in der Ukraine hat. Diese wichtige Komponente der EM darf nicht ignoriert werden. Die politische Komponente darf genau so nicht ignoriert werden, wenn es um negative politische Einflüsse geht. Diese möchte ich nun auch noch einmal beispielsweise aufgreifen: In einer Pressekonferenz sprach der deutsche Co-Trainer Hans-Dieter Flick davon, man müsse den Stahlhelm aufsetzen um gegen Portugal zu siegen. Er mag es nicht so gemeint haben (er äußerte sich schließlich noch nicht einmal besonders kämpferisch) und auch mag er überhaupt nicht an die Parallelen gedacht haben – aber ein solches Vokabular darf schlicht und einfach nicht rausrutschen, es darf noch nicht einmal gedacht werden. Einen sehr faden Beigeschmack hatten für mich auch die Rufe der deutschen Fans beim Spiel gegen die Niederlande. Bei diesem Spiel, das in der Ukraine, die unter dem Nationalsozialismus sehr gelitten hatte, stattfand, gröhlten die Fans erst “Hurra, hurra, die Deutschen sind da!”, was nach dem ersten Tor schließlich in “Sieg…Sieg…Sieg!”-Rufe überging. Ich will hier nicht den Gebrauch eines Wortes verbieten oder ähnliches, mir ging eher die Grundstimmung nahe, als 20.000 Fans derart kämpferisch “Sieg!” riefen, dass ich mich an gänzlich andere Szenarien erinnert fühlte.

Kann man wirklich zwischen Partypatriotismus während einer WM oder EM, dem ernstgemeinten dauerhaften Patriotismus und Nationalismus unterscheiden?
Ich bin der Meinung, dass sich das, was im Spaß gesagt wird, was auch im ersten Moment lustig klingt und überhaupt nicht ernst gemeint ist (Bsp.: “Käsköppe!”), verankert und zu tiefsitzenden Stereotypen gegenüber anderen Nationalitäten entwickelt (siehe auch: http://www.sueddeutsche.de/kultur/studie-zur-fussballweltmeisterschaft-fussballtaumel-und-fremdenfeindlichkeit-1.893255 ).
Seit dem “Sommermärchen” 2006 sind public viewing und das “friedliche Fußballfest” ein fester Bestandteil des Männerfußballs. Dazu gehören allerlei Nationalsymbole, die in jeder Art und Weise getragen werden. Um es klar zu stellen: Ich will keineswegs jedem_jeder Träger_in nationaler Symbole nationalistisches Denken vorwerfen. Jedoch bin ich der Meinung, dass Patriotismus, ob er nun dauerhaft oder saisonal besteht, das Potential birgt, Nationalismus zu akzeptieren. Nationalist_innen äußern ihre Einstellung – logischerweise – oft durch das Zeigen von Nationalsymbolik. Während der EM verschwimmen also im Umkehrschluss die Grenzen zwischen Nationalist_innen und Menschen, die auf den Fan-Festen einfach nur ihren Spaß haben wollen. Denn äußerlich ist hier kein Unterschied mehr zu erkennen. Diejenigen, die Nationalfarben und -symbole tragen, müssen also reflektieren, was das für sie und andere bedeutet. Denn wie nachgewiesen wurde (folgt dazu diesem Link: http://www.sueddeutsche.de/wissen/liebe-zum-land-die-maer-vom-guten-patrioten-1.912131 ) fördert der aufkommende Partypatriotismus nationalistisches Denken und die Bereitschaft der Nationalist_innen zu gewalttätigen Übergriffen. Deutlich wurde das auch nach der WM 2006 (Deutsche Zustände: http://www.heise.de/tp/artikel/24/24231/1.html ): Nationalistische Einstellungen hatten sich so sehr verbreitet, dass es sogar der Polizeistatistik zu entnehmen ist, dass es deutlich mehr rassistisch motivierte Gewalttaten gab. Inwiefern sich diejenigen, die Deutschland-Farben zum Feiern tragen, von anderen abgrenzen wollen, bleibt ihnen selbst überlassen. Sie sind damit natürlich nicht gleich nationalistisch – jedoch muss das eigene Handeln und die eigene Darstellung dringend reflektiert werden!

Mit dem Aufwerten einer Nation durch Patriotismus entstehen Kriterien, anhand derer andere Nationen abgewertet werden. Wenn man dies jedoch anspricht, wird man sofort damit konfrontiert, man würde aus einer Mücke einen Elefanten machen, man solle nicht überall nationalistische Tendenzen sehen und dürfe nicht ständig aufgrund der deutschen Vergangenheit gehemmt sein. Sätze wie “Aber Deutschland hat den Nationalsozialismus hinter sich!”, “Man kann sich ja nicht ewig schämen!” oder “Wir waren ja nicht dabei.” sind keine Seltenheit. Damit wollen viele unsere Verantwortung für die Zukunft, die uns die deutsche Vergangenheit und Schuld auferlegen, scheinbar schlichtweg verdrängen – aber gerade weil wir nicht dabei waren, müssen wir die Erinnerung und das Gedenken aufrecht erhalten. Wir tragen eine enorme Verantwortung, dass so etwas nie wieder geschieht! Das zu ignorieren ist meiner Ansicht nach geschichtsrevisionistisch. Gerade deswegen finde ich es auch absolut legitim, dass erwartet wurde, dass eine Delegation der deutschen Nationalmannschaft Auschwitz besucht und sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Denn wie ich vorhin schon genauer dargestellt hatte – die EM steht nicht nur für den Fußball, sondern eben auch für den europäischen Zusammenhalt, der sich immer wieder mit der europäischen Geschichte auseinandersetzen muss.

Ich habe an sich kein Problem damit, bei der Europameisterschaft mitzufiebern und eine Mannschaft zu unterstützen. Ich finde es jedoch bedenklich, wie unreflektiert Fähnchen geschwenkt werden, wie nationalgewandt bzw. sogar nationalistisch viele sich in Zeiten der EM äußern und wie hart Menschen kritisiert werden, die sich diesem Hype nicht anschließen wollen oder ihn gar kritisieren.
Ich wünsche mir viel mehr, dass diese Europameisterschaft sportlich stark und spannend wird. Für sehr wichtig halte ich, dass begriffen wird, dass nationale Identitäten nichts mit Stolz zu tun haben und genau so wie die Nationen konstruiert sind. Eine EM als europäisches Ereignis zu feiern, trägt zum europäischen Denken und Handeln bei. Genau das sollte unser Ziel sein!

Jom haScho’a – Nie wieder lassen wir das zu!

„Am Jom haShoah soll im ganzen Staat Israel ein zweiminütiges Schweigen eingehalten werden, währenddessen jeder Straßenverkehr ruhen soll. (…) Das Radioprogramm soll dem Charakter des Anlasses entsprechen. (…)“

Heute ist Jom haScho’a – der jüdische Gedenktag an die Gräueltaten der Shoa.
An diesem Tag hält ganz Israel inne. In großen deutschen Städten begehen ebenfalls viele jüdische Gemeinden diesen Tag.
Die Feierlichkeiten beginnen am 27. Nisan des jüdischen Kalenders. In unserem Kalender variiert dieser Tag, da der jüdische Kalender immer wieder neu nach dem Mond berechnet wird. Die Feierlichkeiten beginnen mit Sonnenuntergang. Es werden sechs Fackeln angezündet. Sie stehen symbolisch für die sechs Millionen jüdische Opfer, die die Shoa nicht überlebten. In keinem anderen Land wie in Israel wird ein Gedenktag so ernst genommen. Um 10 Uhr heulen für zwei Minuten die Sirenen im ganzen Land, der gesamte Verkehr stoppt, die Arbeit wird niedergelegt und die Menschen halten schweigend inne. Es werden Gebete gesprochen, Kränze niedergelegt und die Namen der Opfer verlesen. Tausende jüdische Jugendliche veranstalten einen Trauermarsch der vom KZ Auschwitz zum KZ Auschwitz-Birkenau führt. Dort legen sie Kränze nieder. Die Trauermärsche werden mittlerweile die „Märsche der Lebenden“ bezeichnet und erinnern an die Todesmärsche der KZ-Häftlinge.

Es dauerte sehr lange, einen Tag zu finden, der sich zum Gedenken an die Shoa eignet.  Man war sich nicht einig, ob die Shoa einen eigenen Gedenktag haben solle oder ob man an den Gedenktagen, die schon vor 1933 bestanden, auch an die Shoa gedenken solle. Schließlich wurde im Jahr 1959 der Jom haScho’a als gesetzlicher Feiertag verabschiedet.
Ich persönlich halte es für richtig, dass der Shoa ein eigener Tag zum Gedenken gegeben wurde. Es muss deutlich werden, dass das, was durch den Nationalsozialismus passiert ist, etwas ist, was mit nichts zu vergleichen ist. Was nie wieder passieren darf. Wir alle sollten innehalten, gedenken und trauern.

Dieses Jahr fällt der Jom haScho’a auf den Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstands. Am 19. April 1944 erhoben sich viele Jüdinnen und Juden im Warschauer Ghetto und kämpften mehrere Wochen mit der deutschen Besatzungsmacht. Es war ein verzweifelter Akt gegen die Deportationen in die Vernichtungslager. Am 16. Mai wurde der Aufstand niedergeschlagen und die Große Synagoge Warschaus gesprengt. Die Kämpfe forderten 12.000 Opfer. Nach den Kämpfen wurden weitere 30.000 Menschen erschossen und 7.000 Menschen wurden in Vernichtungslager gebracht.

Blumengesteck zum Gedenken in Auschwitz-BirkenauEs fällt nicht leicht, mit der Last der Geschichte umzugehen. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Wir können nur unseren Teil dazu beitragen, dass ein solcher Völkermord, eine solche Grausamkeit, wie man sie nicht in Worte fassen kann, nie wieder passiert. Wir können gemeinsam die Demokratie, die Verständigung und das Miteinander stärken.
Es ist eine große Verantwortung, die auf unseren Schultern ruht. Nicht nur an gesetzlich festgelegten Gedenktagen müssen wir uns an sie erinnern – wir tragen sie jeden Tag mit uns.
Denn niemals darf sich so etwas wieder ereignen.
Immer wieder müssen wir uns erinnern, müssen wir uns an all die Menschen erinnern, die die Befreiung am 27. Januar 1945 nicht mehr erlebt haben.
Die Erinnerung ist das, was uns begleiten wird. Denn wir sind die letzte Generation, die sich an den Nationalsozialismus erinnern kann. Wir haben entweder Großeltern oder Eltern, die sich daran erinnern und uns aus dieser Zeit berichten. Wir hören Geschichten über den Krieg, über die Flucht, über den kalten Winter, über den Hunger. Verwandte packen Fotoalben aus und erzählen uns von ihrer Vergangenheit. Im besten Fall ist das so. Andere unserer Mitmenschen müssen feststellen, dass der Nationalsozialismus eine Lücke in ihre Familie gerissen hat.
Viele von denen, die die Shoa, den Krieg und den Nationalsozialismus überlebt haben, sind in den letzten Jahren von uns gegangen. Ihr Vermächtnis an uns ist die Erinnerung.
Die Erinnerung weiterzugeben wird unsere Aufgabe sein.

Am heutigen Tag halten wir inne. Denn es gilt: Kein Vergessen, kein Verzeihen dem Nationalsozialismus!